Msgr. Wilfried Schumacher
Stadtdechant & Münsterpfarrer

 

Predigt am Fest der Stadtpatrone 2008

Ohne Liebe kann man nicht leben!

Es war gewiss ein mehr bezeichnender Zufall: Ausgerechnet an dem Tag, an dem die Nachricht vom Untergang der amerikanischen Investment Bank Lehman Brothers um die Welt ging und die gegenwärtige Krise begann, wurde in London ein Kunstwerk des britischen Künstler Damien Hirst versteigert. Für 13 Millionen wechselte es den Besitzer. Es trägt den Namen: das Goldene Kalb. Ein echtes Kalb, eingelegt in einen vergoldeten Tank aus Formaldehyd und Silicon, die Hörner und Hufe aus 18-karätigem Gold, auf dem Kopf wie zur Krönung seiner Majestät eine ebenfalls aus massivem Gold gefertigte strahlende Scheibe.

Was wir in den letzten Jahren vielerorts erlebt haben, war ein Tanz um das Goldene Kalb. „Geiz ist geil“ hieß die Melodie. Arbeitsplätze wurden abgebaut und gleichzeitig  stiegen die Aktien der Konzerne.
Blitzschnell jagten die Geldsummen um den Globus, stürzten schwache Länder in bitterste Armut, kosteten Millionen von Arbeitsplätzen, vernichteten Lebenswerke.
Nicht der seriöse Kaufmann und der anständige Arbeiter waren die Helden, sondern die Glücksritter, die mit gewagten Einsätzen ihr Geld machten.
Den Spekulanten ist es gleichgültig, wen sie in den Ruin treiben. Der Gewinn des einen ist immer der Verlust des anderen.
Und wir, die wir das alles nicht so richtig verstanden, wir standen nur staunend am Rand der Tanzfläche, wunderten uns über das Tempo der Tänzer und fragten uns, wie das denn enden sollte.

 

Das Goldene Kalb war wie damals in der Wüste der neue Gott, gegossen aus den Millionen Gewinnen, Tantiemen, Gehältern und Abfindungen, gefüttert mit der Gier der Menschen, immer noch mehr zu besitzen. Seit biblischen Zeiten gilt der Tanz ums Goldene Kalb als Sinnbild für die Verehrung von Reichtum.

 

Begonnen hatte damals alles damit, dass dem Volk, das in der Wüste auf die Rückkehr des Mose vom Berg Sinai wartete, die Zeit zu lang wurde. Sie wollten nicht mehr vertrauen auf einen unsichtbaren Gott. „Komm, mach uns Götter, die vor uns

herziehen.“, das heißt „Mach uns Götter, die schützen und führen“, fordern sie von Aaron.

Mach uns Götter - dann ist der Macher Mensch zufrieden, wenn er sich nicht einer unsichtbaren Macht anvertrauen muss, sondern sich seine Götter selber schafft !

 

Unsere beiden Stadtpatrone Cassius und Florentius standen auch vor einer ähnlichen Entscheidung: Vertrauen wir dem einen und wahren Gott unser Leben an oder setzen wir auf den mächtigen Kaiser in Rom, der sich selbst zum Gott gemacht?

Wir wissen, wie sie und viele tausend andere Christen sich in der Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian im Jahre 303 entschieden haben. So wie Christen es durch die Jahrhunderte hindurch bis in unsere Gegenwart immer wieder tun. Christenverfolgung ist heute eine der zahlenmäßig häufigsten Menschenrechtsverletzung weltweit.

 

Unsere Schwestern und Brüder sind durch die Geschichte hindurch bis in die Gegenwart hinein, Helden. Menschen, deren Ruhm nicht verblasst wie die Sterne am Himmel der sogenannten Stars, sondern die im Gedächtnis bleiben,

·                       weil sie auf ganz unterschiedliche Weise ihr Leben meistern.

·                       weil sie aufgrund ihres persönlichen Einsatzes und ihrer Überzeugung wirken,

·                       weil sie die eigene Kraft zum Wohle aller entfalten,

·                       weil sie die eigene Begeisterung und Überzeugung nutzen, um als Vorbild für Andere zu dienen.

 

Im Kinderkanal von ARD und ZDF gibt es einen „Platz für Helden“. Kinder und Jugendlichen können sich zu Projekten melden, mit denen man positive Schlagzeilen machen kann – das reicht von der direkten Hilfe in der Nachbarschaft bis zur Projekten für die Umwelt oder Menschen in Afrika.

Die Caritas beschreibt in ihrem Projekt „So sehen Helden aus“ junge Menschen, die nicht dem Trend der Zeit gefolgt sind, sondern sich selbst aus schwierigen Lebenssituationen befreit haben.

Junge Menschen suchten nach glaubwürdigen Zeugen, nach „Helden der guten Botschaft“, nicht so sehr nach Predigern und Lehrern, so sagte gestern ein Erzbischof aus Lateinamerika bei der Bischofssynode in Rom.

Die Helden des Geldes scheinen ausgedient zu haben. Der Tanz um das Goldene Kalb endete in einem Kollaps.

Antoine de Saint-Exupery hat einmal geschrieben: „In der Welt gibt es nur ein Problem, ein einziges Problem: den Menschen einen geistigen Sinn, eine geistige Unruhe zurückzugeben. Von Kühlschränken, von der Politik, von Bilanzen und Kreuzworträtseln kann man nicht leben. Es ist unmöglich. Ohne Poesie, ohne Farbe, ohne Liebe kann man nicht leben. Arbeiten wir nur für materielle Güter, so bauen wir unser eignes Gefängnis.“

 

Vielleicht hören wir ja hinter allen Nachrichten von gefallenen Börsenkursen und Bankenkrisen auch noch eine solche Botschaft: Ohne Liebe kann man nicht leben! Cassius und Florentius haben dafür ihr Leben gegeben. Das ist eine Melodie, zu der ich gerne tanzen würde – aber nicht um das Goldene Kalb.