Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant
Predigt am Fest der Stadtpatrone 2003 –
12.Oktober 2003
Wir stehen auf den Schultern anderer
Als ich meinen Jahresurlaub
in Irland verbrachte, machte ich zwei gegensätzliche Erfahrungen:
die Führerin in Newgrange, einer Grabanlage, die 2000 Jahre vor dem
Baubeginn der Pyramiden in Ägypten fertig gestellt war, stellte fest, dass eine
Generation mit dem Bau nicht fertig geworden war. Die nächste Generation musste
weiterbauen.
Und die Gespräche mit einem
17jährigen Jugendlichen, der meinte, er und seine Generation seien berufen, das
Rad neu zu erfinden. Die Botschaft der Fremdenführerin drang kaum an sein Ohr:
wir stehen auf den Schultern anderer.
Der
Forscher profitiert von den Ergebnissen seiner Kollegen,
die
Politiker von den Leistungen ihrer Vorgänger
Kindern von dem, was Elten geschaffen haben
Schüler
von dem, was Lehrer gelernt haben
Glaubenden von dem, was
andere vor ihnen geglaubt haben
Dieses Bewusstsein auf
römischen Friedhöfen erleben wir im Totenkult auf römischen Friedhöfen. Man
traf sich dort nicht nur zum Beweinen
der Toten, sondern Gastmähler veranstaltete Gastmähler zum Gedenken. Das
lateinische Wort dafür heißt „memoria“. Es bedeutet aber auch dankbar.
Cella memoriae,
Raum des Gedenkens und des Dankens, so nannten die Ärchäologen
den Raum unter dem Münster, den sie bei Ausgrabungen fanden. Über den Gräbern
der Märtyrer ein Ort des Gedenkens und des Dankes.
Seit vielen hundert Jahren
feiern wir Eucharistie an diesem Ort -.Eucharistie,
d.h. Danksagung. Wir stehen auf Euren Schultern!
Unsere Geschichte, die Geschichte
des Glaubens, unseres Landes, unsere eigene Biografie
ist nicht namenlos, nicht
gesichtslos – wir sehen vor uns die lange Reihe derer, auf deren Schultern wir stehen. (Einige Namen getilgt –
aus dem Gedächtnis der Gesellschaft; aber auch aus unserem Gedächtnis).
Andere Namen sind bewahrt –
wie an diesem Ort seit fast 1400 Jahren die Namen von Cassius und Florentius –
Menschen, die den Glauben in einer schweren Zeit bewahrt haben
In den kommenden Wochen wird
sich der Rat der Stadt mit einer neuen Friedhofssatzung beschäftigen müssen.
Ein Gesetz des Landes, das die Urne zuhause auf dem Kaminsims gestattet, muss
angepasst werden.
Wir werden uns auch in Bonn
gewöhnen müssen an anonyme Bestattungen, an Wiesenflächen, auf denen die Asche
ausgestreut wird und an sogenannte „Friedwälder“, wo
an den Wurzeln der Bäume die Urnen beigesetzt werden.
Die Kirchen haben gegen
dieses neue Gesetz protestiert und man hat uns auch hier in Bonn vorgeworfen,
wir wollten christliche Begräbnissitten allen aufdrücken. Abgesehen davon, dass
sich diese Sitten im Laufe der Jahrhunderte immer wieder geändert haben, geht
es nicht darum.
Die Kirchen fühlen sich hier
schon fast als Anwalt einer Gesellschaft, die ein Recht hat, zu gedenken.
Die Entscheidung, wie sich
jemand bestatten lassen will, mag durchaus finanzielle Gründe haben – „es soll
niemand für meine Grabpflege aufkommen müssen, vielleicht ist auch niemand
dafür da“;
Manchmal gibt es auch
Rachegefühle im Angesicht des Todes – „niemand soll wissen, wo ich beigesetzt
bin“ –
Aber ich bezweifle, ob es ein
Recht des Einzelnen über den Tod hinaus gibt, allein über die Form des
Gedenkens zu bestimmen.
Ich bin überzeugt, dass auch
die Gemeinschaft, in der ein Mensch gelebt hat, ein Recht auf das Gedenken hat,
sei es die Familie, seien es die Freunde, sei es die Gesellschaft im allgemeinen.
Es gehört mit zu unserer
Kultur, dass wir einen Ort haben, an dem wir des Verstorbenen gedenken können.
Die vielen, die auf dem
anonymen Gräberfeld auf dem Nordfriedhof an vier Basaltsäulen ihre Blumen
niederlegen und Kerzen aufstellen, geben mir Recht.
Auch wenn das Grab quadratmeterweise nicht zu identifizieren ist, so braucht
das Gedenken einen Ort, wo die Individualität des Einzelnen wenigstens in
seinem Namen bewahrt wird.
Friedhöfe sind der dankbare
Ausdruck einer Gesellschaft, die überzeugt ist, dass sie auf den Schultern
anderer steht. Auch der Friedhof unter diesem Münster, der schließlich zum Bau
dieses Gotteshaus führte, wollte und will ein solcher Ort mitten in unserer
Stadt sein.
Wir stehen auf den Schultern
anderer, nicht nur der Glaubensschwestern und Brüder
In die Zukunft geschaut
ergibt sich daraus auch Verantwortung für uns –
Welche Schultern bieten wir
unseren Nachkommen an?
Welche
Welt hinterlassen wir ihnen?
Auf welcher Erde werden sie
leben? Ausgebeutet, geschunden durch uns?
Welchen
Staat hinterlassen wir ihnen?
Werden sie zahlen müssen für
das, was wir uns geleistet haben?
Schon 1980 schrieb der
damalige Kölner Erzbischof Kardinal Höffner in einem
Hirtenwort: „"Seit Jahren stehen wir in der Bundesrepublik Deutschland
in der Gefahr, über unsere Verhältnisse zu leben und damit die Lebenschancen
unserer Kinder zu belasten. Die Ausweitung der Staatstätigkeit und die damit
verbundene Bürokratisierung und die gefährlich hohe Staatsverschuldung müssen
jetzt korrigiert werden. Es ist ein Trugschluß zu
meinen, der Staat könne alles, und insbesondere, er könne alles besser
machen."
Welche
Kirche hinterlassen wir ihnen?
Wenn Sie, verehrte Frau
Oberbürgermeisterin gleich hinabsteigen in die Krypta und die Kerze an den
Gräbern der Märtyrer aufstellen, dann tun sie es stellvertretend für uns alle.
Es ist ein dankbares
Hinabsteigen in eigene Geschichte – im Bewusstsein auf wie vielen Schultern wir
stehen.
Sie können dort unten nicht
bleiben. Mit jedem Schritt nach oben, wächst ihre Verantwortung, wächst unsere
Verantwortung für die, die nach uns kommen.
Auf die Fürsprache unserer
Stadtpatrone und mit dem Segen Gottes werden wir ihrer gerecht werden. Amen