Wilfried Schumacher
Pfarrer &
Stadtdechant
Predigt am Fest der Stadtpatrone 13.Oktober 2002
Ich werde euch weiterhin tragen!
"Ein Leben ohne
Feste ist eine weite Reise ohne Gasthaus", sagte der griechische Philosoph
Demokrit. Ohne Rast, ohne Pause ist eine weite Reise kaum durchzustehen. Wir
halten an und tanken auf, strecken uns, atmen durch, vertreten uns die Beine,
essen einen Happen und trinken einen Schluck. Dann geht's weiter.
Alle Jahre wieder
feiern wir das Fest der Stadtpatrone. Für uns hier im Münster steht es wie ein
Gasthaus am Wegrand der Reise durch das Jahr. Alle Jahre wieder wird die Gruft
in der Krypta geöffnet. Sie markiert, dass es bei diesem Fest nicht um
Oberflächliches geht. Was treibt uns an, dieses Fest zu feiern?
1.) Dieses Fest lädt
uns ein, zurückzuschauen auf die Wurzeln unserer Stadt. Sie liegen nicht im
römischen Kastell in der Nordstadt, auch nicht bei den Kelten, die die Lage
gegenüber dem Siebengebirge vielleicht so reizvoll fanden wie wir heute. Allen
Gerüchten zum Trotz war es auch nicht Konrad Adenauer, der mit der Entscheidung
des Parlamentarischen Rates, die Stadt begründet hat.
Von hier aus, von
den Gräbern unter diesem Münster aus ist das mittelalterliche und dann auch
neuzeitliche Bonn geworden. Wie viele Feste so macht uns auch dieses bewusst,
dass wir auf den Schultern unserer
Vorfahren stehen:
Wir stehen auf den
Schultern anderer – ein solcher Tag erfüllt uns mit Dankbarkeit.
2.) Wir feiern in
der Gegenwart – und die ist sehr real; drängt hinein in unsere Festfreude.
Am Freitag ging ein
Tag fast unbemerkt von der großen Öffentlichkeit vorüber: vor vierzig Jahren
wurde am 11.Oktober 1962 das II. Vatikanische Konzil eröffnet.
Das war damals nicht
nur ein Datum, mehr: eine neue Epoche wurde begründet. Nicht nur katholische
Christen haben dieses Ereignis mit Spannung erwartet.
Zuviel war im Laufe
der Zeit in der Kirche erstarrt und verkrustet, zuviel Staub hatte sich auf den
Strukturen niedergelassen.
Papst Johannes
XXIII. hatte drei Jahre zuvor nicht nur die Welt mit der Ankündigung des
Konzils überrascht. Besonders kirchliche Würdenträger hatten Angst vor einer
„Erkältung“ als der Papst die Fenster der Kirche öffnen wollte, um das Wehen
des Heiligen Geistes hereinzulassen.
Unser damaliger
Erzbischof Josef Kardinal Frings wurde zu einer der großen Gestalten des
II.Vatikanischen Konzils, in seinen Reformideen theologisch begleitet von einem
jungen Berater, der inzwischen „Karriere gemacht“ hat: Josef Ratzinger, als
Professor an der Universität Bonn tätig.
Welch ein Ruck ging
damals durch die Kirche! Das werden mir die Zeitzeugen unter ihnen gewiss
bestätigen.
Für das Kirchenvolk war
es am meisten sichtbar und erlebbar in der Liturgiereform.
Aber auch die
anderen Dokumente des Konzils, z.B. die Konstitutionen über das Verhältnis von
Kirche und Welt, die Dekrete über die Ökumene und die Stellung der
nichtchristlichen Religionen ließen aufhorchen. Mutter Kirche setzte an zu
einem großen Sprung, aber – so schreibt es ein österreichischer Weihbischof in
einem Buch – sie wurde „im Sprung gehemmt“.
Als ich 1968 mein
Theologiestudium begann und ins Albertinum eintrat, war dies auch eine ganze
persönliche Frucht dieses Konzils. Ich war auch erfasst von der Begeisterung,
von der viele im Kirchenvolk damals angesteckt waren. Inzwischen habe ich
gelernt, dass Konzilien lange Zeit benötigen, um sich durchzusetzen. Historiker
sprechen gar von Jahrhunderten.
Immer mehr erlebt
Kirche, was wir im heutigen Evangelium gehört haben: die Eingeladenen kommen
nicht mehr!
Das ist die
Realität. Manche glauben heute mit einem Rückzug auf die Überzeugung „Wir sind
im wahren Christentum“ könne man die Entwicklung stoppen.
Ich bin persönlich
davon überzeugt, dass es keine Alternative gibt zu dem programmatischen Wort
Johannes XXIII. „Aggiornamento“.
Kirche muss immer
auf der Höhe der Zeit sein, sonst läuft sie hinter der Zeit und den Menschen
her – und beide verpassen sich.
Ich träume davon, dass
sich das „Aggiornamento“ Johannes XXIII durchsetzt. Es gibt Träume, die
scheinen ganz klein, und bleiben doch Träume. Und es gibt Träume, die scheinen
utopisch, und werden plötzlich wahr. Dom Helder Camara, ehemals Bischof von
Recife hat einmal gesagt: "Wenn einer alleine träumt, ist es nur ein
Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, so ist das der Beginn einer neuen
Wirklichkeit."
Wir feiern in der
Gegenwart – das ernüchtert.
3.) Ein Fest begnügt
sich nicht mit dem was war und ist – er ist hält immer auch Ausschau nach dem,
was kommt.
Da wünschen wir z.B.
bei einem Geburtstag noch viele Lebensjahre oder bei der Hochzeit eine gute
Zeit miteinander.
Als ich meine
Predigt machte, stellte ich fest, dass dieser dritte Gedanke zuerst weiß blieb.
Jedoch nicht nur auf meinem Predigt-Manuskript, auch in unserem Leben bleibt
die Zukunft ein weißer Fleck.
Das spüren Menschen
in Grenzsituationen, wenn es um einen neuen Beruf geht,
wenn ein neuer
Lebensabschnitt beginnt, wenn Menschen heiraten und Kinder kriegen,
wenn ein Krankheit
zu einer schweren Operation zwingt – immer dann möchte man schon einen Blick in
die Zukunft tun: wir wird es werden,
wird die Beziehung gelingen,
die Kinder gut
heranwachsen,
die Operation zur
Heilung führen.
Die Bibel hat für solches Situation ein
tröstendes Wort zur Verfügung. Gesprochen im babylonischen Exil, geprägt von
einer guten Erfahrung mit Gott: “Ich will
ich euch tragen“ sagt Gott. “Ich
habe es getan, ich werde euch weiterhin tragen, ich werde euch schleppen und
retten.“ (Jes 46,4)
Alle Versuche, in
die Zukunft zu schauen, werden scheitern. Es gibt weder Kaffeesatzleserei, noch
den Blick in die gläserne Kugel, die weiter hilft. Es bleibt der Zuspruch
Gottes!
Ich bin gewiss, auch
unsere Martyrer sind mit diesem oder einem ähnlichen tröstenden Wort in den Tod
gegangen, in eine Zukunft, die damit begann, dass ein anderer das Schwert gegen
sie erhob.
Wir feiern sie in
der Hoffnung, dass diese Zuversicht ansteckend sein möge.