Wilfried
Schumacher
Pfarrer
& Stadtdechant
Lust auf Leben
Silvesterpredigt
2002
Wer
zurückdenkt, dem drängen sich oft die negative Dinge auf: Misserfolge,
Verwundungen, Katastrophen schreiben sich oft tiefer in die Seele, als die
guten Erinnerungen, die wir mühsam hervorkramen müssen.
So
ist das Jahresende in den Medien, aber auch in unseren ganz persönlichen
Gedanken, geprägt von den schlechten Schlagzeilen. Es gilt in diesen letzten
Stunden zu fragen, wie gehe ich ins Neue Jahr, was ist im Gepäck meines Lebens
in den vergangenen 12 Monaten hinzugekommen, welche Last, aber auch vor allem
welcher Proviant, von dem ich leben kann?
Die
Antwort kann uns niemand abnehmen, jeder muss sie sich selbst geben. Manche
drücken sich davor, lassen sie untergehen im Krachen der Böllern,
ertränken sie in Sektkelchen oder lassen sie am Himmel wie Feuerwerk
zerplatzen. Ich lade Sie, die Stunde dieses Gottesdienste
zu nutzen, um der Antwort etwas näher zu kommen.
Heute
morgen kam mir ein Liedtext der kölschen Band „Die Höhner“, in den Sinn. Sie kennen diese Gruppe aus dem
Karneval, die aber auch Balladen schreibt, die aufhorchen lassen. So auch
diesen Text:
Lust auf Leben, Lust auf
Liebe, Lust auf Lust,
Lust auf Bratkartoffeln und nen fetten Kuss,
Lust auf Leben, Lust auf
Liebe, Lust auf Doll,
Lust mein Maul nicht zu
halten, wenn ich soll,
Lust auf dicke rote Grütze
und auf jede kleine Pfütze.
Lust auf Leben, Lust auf
Liebe, Lust auf Lust.
Der
Liedtext verbindet viele Schicksale: denn Lust auf Leben – das ist eine
geheimnisvolle Kraft, die Menschen am Leben erhält:
· Der Kranke, der Lust am
Leben hat, geht sein Leid ganz anders an, als der, der sich aufgegeben hat.
· Wer sich eingezwängt,
gefesselt fühlt, spürt eine unbändige Lust am Leben, die so stark ist, dass er
in die Lage ist, die Fesseln zu sprengen bzw. alles daran zu setzen, dass sie
gelöst werden.
· Wer eine Katastrophe erlebt,
wir denken an die grosse Flut in diesem Sommer, aber
auch an ganz persönliche Katastrophen, wie sie in diesem Jahr zu der einen oder
anderen Biografie gehört haben, kann nur durch die Lust am Leben Energie
freisetzen, die ihn nicht in den Fluten der Elbe oder den Fluten der eigenen
Tränen untergehen lassen.
Und
das Gegenteil ist uns auch klar: ohne Lust am Leben stirbt der Menschen bei
lebendigem Leibe. Gestern sprach ich mit einem Menschen, der vom Partner
verlassen wurde. Nach 16 Jahren war es plötzlich aus. Ich habe keine Zukunft mehr, sagte sie. Und ich füge hinzu: „Ich
habe keine Lust am Leben mehr!“ Es wird lange dauern bis die Lust am Leben
wieder geweckt wird. Das wissen alle diejenigen von ihnen, die eine ähnliche
Erfahrung durchgemacht haben.
In
der Ballade singen die Höhner in einer Strophe: „Frisst nur alles in sich rein, und ist auf
einmal ganz allein. Einsamkeit ist Marterpfahl, man lebt doch nur das eine Mal“
Die
Lust auf Leben kann man nicht machen, nicht herbeirufen, sie wächst in uns
heran – nicht zuletzt als Echo auf
die Liebe der anderen, die Anerkennung und Wertschätzung, die wir erfahren. Wer
erlebt, dass er nicht allein lebt, in dem kann die Lust auf Leben eher Wurzel
schlagen.
Im
Alten Testament stellt Gott den Menschen vor die Alternative: „Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und
Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und
deine Nachkommen. (Dtn 30,19)
Wähle
das Leben!“ Ist es vermessen, zu übersetzen: Hab’ Lust am Leben!
Jesus
sagt seinen Zuhörern: „ich bin gekommen,
damit sie das Leben haben und es in Fülle haben. (Joh
10,10)
Darf
ich es auch hier wagen zu sagen: Ich will dass sie Lust auf Leben haben?
Ich
bin gewiss, dass ich es darf, denn ich kenne besonders im Alten Testament viele
Psalmentexte, in denen Menschen vom Gegenteil berichten, in denen sie klagen
und bei Gott das Leben einklagen. Wenn
es um Lust am Leben geht, dann ist Gott die richtige Adresse. Er hatte eine
solche Lust auf menschliches Leben, dass er selbst Mensch wurde.
So
lade ich sie ein, zurück zuschauen auf die Stundendes vergangene Jahres,
besonders auf jene, in denen sie Lust auf Leben hatten. Ich hoffe, es sind so viele, dass die Lust auf Leben auch diese
Nacht und den Schritt ins Neue Jahr bestimmt.
„Lust
auf Leben – Lust auf Liebe – Lust auf Lust“ – heißt es im Refrain der Ballade.
Besonders das Letzte wird von manchen nur mit Stirnrunzeln gehört werden; dabei
sind die meisten von uns alle Ergebnisse der Lust, die wie alle Gelüste immer
auch ambivalent sein kann. So manche Lust wird auch zum Schaden.
Heute
morgen gab es wieder Meldungen über den ersten
geklonten Menschen, wobei man nicht weiß ob es echte oder falsche Meldungen
sind.
In
der ethischen Bewertung sind sich viele einig; aber abgesehen von diesen
Gedanken, sei die Frage erlaubt, was sind denn das für Menschen, die das
Ergebnis der „Bastelarbeit“ von Wissenschaftlern sind? Nicht mehr die Liebe der
Eltern, nicht mehr das lustvolle Gefallen aneinander bringt neues Leben hervor,
sondern die Hybris von Menschen, die meinen, sie könnten Gott spielen.
Die
Moral wird dann immer ganz schnell instrumentalisiert. Was kann man nicht alles
Gutes tun und bewirken. Aber das muss auch an einem solchen Silvestertag auch
in Richtung der Forscher in unserer Stadt gesagt werden: Lust auf Leben – ja,
aber nicht um jeden Preis!!
In
der Ballade der Höhner heißt es einer Strophe: Wenn du niemals an wat Neuem leckst, wirst
du niemals wissen, wie dat schmeckt“.
Liebe
Schwestern und Brüder,
das
wünsche ich Ihnen für das Neue Jahr – das es vieles Neue gibt, das gut
schmeckt, und in Ihnen immer neu die Lust am Leben weckt. Amen