Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant
Predigt an
Pfingsten 2002
Das
zerschmetterte Kreuz und die Botschaft von Pfingsten
Als ich gestern abend nach Hause kam, begegnete
mir eine blasse Küsterin. Sie war Ohrenzeuge dieses Attentates auf unser Kreuz
geworden, das uns durch die ganze österliche Zeit vom Aschermittwoch an
begleitet hat.
Sie führte mich in die
Kirche und ich sah die Unordnung, dieses Tohuwabohu, zersplittertes Holz, eine
zerbrochene Figur. Für mich klar, ich wollte nicht Ordnung schaffen, sondern
diese Unordnung sollte bleiben, damit sie uns mit der Realität konfrontiert,
wie wir sie täglich hier im Münster erleben.
Menschen, in deren Seele
Unordnung herrscht, ein Tohuwaboho – im wahrsten Sinn
des Wortes. Menschen, die uns Seelsorgern leer und
verzweifelt gegenüber sitzen. Menschen, die nur noch hassen können, wie
vielleicht dieser Täter hier. Vielleicht wollte er auch nur etwas Tolles machen
zur inneren Selbstbestätigung.
In der Bibel ist gleich
in der ersten Zeile die Rede vom Tohuwabohu, von „wüst und leer“ oder wie
Martin Buber es übersetzt von „Irrsal und Wirrsal“.
Der Geist Gottes beendet diesen Zustand.
So ist diese Unordnung
hier vorne, das zerschlagene Kreuz aus welchen Motiven auch immer eine durchaus
vorpfingstliche Situation.
Außerdem wurde ich noch an eine zweite Stelle
im 37. Kapitel des Propheten Ezechiel erinnert. Dort sieht der Prophet in einer
Vision das Bild eines riesigen Gräberfeldes. Das ist die Verfassung seiner
Zeitgenossen, die darüber Klage führen, daß ihr
Lebensfaden abgeschnitten und alle Hoffnung verbaut sei. Angesichts dieser
Situation ergeht an den Propheten der Auftrag, den Gottesgeist auf die Totengebeine herabzurufen. Geist, komm herbei von den vier Winden!
Hauch diese Erschlagenen an, damit sie lebendig werden.
Er gehorcht, ein geheimnisvolles Wehen erhebt
sich über dem Gräberfeld, und die Toten stehen auf: "ein großes, gewaltiges
Heer!" – Dieser Geist – im hebr. ruach– das gleiche Wort wie in der Schöpfungsgeschichte.
Viele Menschen leben,
aber sie sagen: Ich werde gelebt. Ich habe keine Möglichkeit mehr, selbst etwas
zu bestimmen. Die Anforderungen des Berufs, die Erwartungen in der Familie, die
Zwänge, die Ängste, sie sorgen für ein fast unübersehbares Chaos.
Sie suchen Befreiung in
allen möglichen Richtungen: der Geist aus der Flasche soll ihnen helfen,
Drogen, Rausch, Süchte.
Die Botschaft dieses
Festtages ist: Hier will der Geist Gottes wirken und das eigene Durcheinander kreativ
ordnen. Der Mensch soll leben!
Das zerschlagene Kreuz
am Boden sagt uns, dass diese Botschaft nicht alle Menschen mehr erreicht,
vielleicht sind es nur noch wenige.
Suchen wir Rat in den
biblischen Texten: Ein seltsamer Widerspruch: in der heutigen Lesung haben wir
den Text gehört, der für uns mit dem Pfingstgeheimnis verbunden ist: mit den
Jüngern sind wir da im Obergemach versammelt, dann dieses geheimnisvolle
Sturmesbrausen und schließlich die sich auf alle herablassenden Feuerzungen.
Doch wie steht es mit dem heutigen Evangelium? Da hieß es doch ganz klar:
"Am Abend des ersten Wochentags kam
Jesus durch verschlossene Türen." Gemeint ist damit eindeutig der
Abend des Ostertages. Und er spricht: „Empfanget
den Heiligen Geist!“
Was stimmt denn da? Werden
wir durch das heutige Evangelium um fünfzig Tage zurückgeworfen? Was hat denn
Pfingsten mit Ostern zu tun?
Das ist eine verständliche Frage,
insbesondere für jeden, der sich über den Zusammenhang dieser Feste noch keine
richtigen Gedanken gemacht hat. Wir sind es nun einmal gewohnt, zeitlich
hintereinander zu denken: da gibt es den Karfreitag, dann Ostern, dann Himmelfahrt
und schließlich Pfingsten, so als stünden diese Geheimnisse beziehungslos
nebeneinander. Wer aber das, was das Evangelium zu sagen hat, wirklich
beherzigt, merkt sehr bald: Pfingsten ist in erster Linie ein Herrenfest, ein
Fest des Auferstandenen. Es lohnt, diesen Zusammenhang anzuschauen.
Jesus kommt also am
Osterabend durch verschlossene Türen zu den von seinem Tod noch tief verstörten
Jüngern. Er begrüßt sie mit dem Friedenswunsch und weist sich gleichsam durch
die Wundmale an Händen und Seite aus. Dann haucht er sie an mit den Worten:
"Empfangt den Heiligen Geist!"
Sowohl in den hebräisch wie in den
griechisch verfaßten Büchern der Heiligen Schrift
bedeutet "Geist" - rûach, pneuma - so viel wie "Windhauch",
"Lebensodem", "Atem", "göttliche Kraft". Als
Mönche im 8. und 9. Jahrhundert in ihren Klosterschreibstuben das lateinische spiritus sanctus in ihre Muttersprache zu
übersetzen versuchten, nannten sie es im oberdeutschen Sprachraum "heilag atum", "heiliger
Atem". Sie trafen damit ziemlich genau den biblischen Sinn von
"Geist". Atem als Bild für Gottes Geist geht aus von der Erfahrung, daß wir nicht leben können, ohne zu atmen. Ich habe
gelesen, daß im Altjapanischen "Leben" die
"Macht der Atmung" bedeutet.
Pfingsten – das Thema des Festes ist das
Geheimnis des Lebens. Für die Jünger bedeutet dies, zu erfahren, daß Jesus ihnen durch seine Auferstehung nicht entzogen
ist, sondern daß die Auferstehung gleichsam eine Tür
ist, durch die er erst wirklich zu ihnen kommt. Bisher haben sie ihn nur so
erlebt, wie wir alle einander erleben, wenn wir uns treffen, miteinander reden
und uns wieder trennen, eingebunden in Raum und Zeit, voneinander geschieden
durch unsere Individualität.
Aber jetzt, am Osterabend, ist es
buchstäblich so, daß es keine Türen mehr gibt; denn
Ostern war die große Tür, durch die Jesus zu den Seinen kommt und auf geistliche
Weise bei ihnen ist. Ostern ist die Tür zum Leben!
Ein Leben – nicht nur für einige, nicht
nur für Insider, nicht für Wohlhabende, – sondern für alle, auch für
den, der dieses Kreuz umgeworden hat. Deshalb fügt der Herr hinzu: „Wie mich
der Vater gesandt hat, so sende ich Euch!“
Eine Sendung, die nur eine Botschaft hat:
„Der Mensch soll leben!“
Im Mittelalter hießen
die Spitäler oft „Zum Heiligen Geist“, weil die Menschen diese Zusammenhänge
noch klarer sahen.
Wer die Unordnung des
eigenen Lebens erkennt, wer die Dunkelheiten erfährt und die Kälte im Umgang
miteinander spürt, dem wird der Geist des Auferstandenen angeboten als der, der
die Not wenden kann:
In Ermüdung schenke Ruh,
in der Glut hauch Kühlung zu,
tröste, den der trostlos weint
Heile, was verwundet ist,
beuge, was verhärtet ist,.
Wärme, was erkaltet ist,
lenke, was da irre geht.
Ob ihn jedoch diese
Botschaft erreicht, hängt von uns ab, die wir den Jüngern gleichen. Wir sind
es, die sich nicht selten ängstlich abschotten und in der Welt ein böses Gegenüber
sehen.
Die Wirkung der
Geistsendung erlebt die junge Kirche in der Predigt des Petrus, den nun niemand
mehr zurückhält und den jeder versteht.
Im ersten Vers des Pfingsthymnus
heißt es:
Komm, Heil'ger Geist, kehr bei uns ein, Besuch das Herz der
Kinder dein. Die deine Macht erschaffen hat, erfülle nun mit deiner Gnad.
Kehr bei uns ein - das ist die neue Perspektive von Ostern, die
uns am heutigen Pfingsttag eröffnet wird. Durch seine Auferstehung hat sich
Jesus einen neuen Zugang zu uns geschaffen. Er will uns in unserem Herzen
besuchen will. Er will durch den Glauben, wie der Epheserbrief an einer Stelle
sagt, "in unseren Herzen wohnen".
Wir können es also nicht trennen: Hier
sind wir, die Glaubenden, und dort ist er, der Geglaubte. Nein, der Geglaubte in
uns sein, will das Prinzip unseres Glaubens sein, und nicht nur unseres
Glaubens, sondern unseres ganzen Denkens, unseres ganzen Fühlens, unseres ganzen
Wollens und Strebens, unseres Handeins und unseres ganzen Lebens.
Wie sähe diese Welt aus,
wenn wir so handeln würden?
Der Auferstandene steht auf
der Schwelle unseres Lebenshauses. Er müßte durch die
Tür, die er selber ist, bei uns eintreten, um Mahl mit uns zu halten. Aber
statt ihm alle Türen zu öffnen, führen wir ihn gleichsam in eine Kammer, die
für ihn reserviert ist. Der Rest unseres Lebens aber gehört anderen Gesetzen
und folgt anderen Prinzipien.
Die Sprache des
Pfingstfestes ist eindeutig: „ohne dein
belebend Wehn nichts im Menschen kann bestehn, nichts kann schuldlos in ihm sein.
Pfingsten
ist nicht ein Ereignis irgendwann in der Geschichte. Pfingsten ist heute,
hier und jetzt. Vielleicht ist das zerschlagene Kreuz auch ein Zeichen dafür,
dass seit Pfingsten, seit der Geistsendung nichts mehr so ist, wie es einmal
war.
Der Auferstandene will bei
uns sein, wie in der ersten Stunde der Christenheit.
Das zerschlagene Kreuz,
das schmerzt weil ich die Botschaft des Täters nicht eindeutig verstehe, ist
für mich kein Anlaß zur Entmutigung, sondern
allenfalls ein Ansporn.
Öffnen wir die Türen und
Fenster unseres Lebenshauses für den göttlichen Wind. In einem Oratorium von
Penderecki heißt es am Schluß: „Ein Wind kommt, versuchen wir zu leben!“. Amen