Wilfried
Schumacher
Pfarrer
& Stadtdechant
Predigt
zu Pfingsten 2001
Nach
welchem Geist verlangen wir?
In
der islamischen Mystik wird folgende Geschichte erzählt. Ein junger Mann geht
zu einem Meister des geistlichen Lebens, um bei ihm zu lernen. In der
winterlichen Kalte kommen sie zu der Hütte des Meisters, wobei der alte Mönch
manchmal in die Hände pustet, um sie ein wenig aus ihrer Starre zu befreien und
zu erwärmen. In der Klause angekommen,
kocht der Alte eine Suppe, schließlich setzen sie sich an den Tisch. Da aber die Speise heiß ist, pustet der
Mönch auf den Löffel, um die Suppe zu kühlen.
Der junge Mann schaut verwundert zu und sagt schließlich: Vorhin hast du
in deine Hände geblasen, um sie zu wärmen, jetzt bläst du auf deine Suppe, um
sie zu kühlen. Bei dir möchte ich nicht
bleiben, du weißt ja selbst nicht, was du tust'
Für
den jungen Mann scheint alles eindeutig sein zu müssen. Deshalb bricht er aus
der Welt des alten Mönches aus.
Der
junge Mann ist kein pfingstlicher Mensch, denn Pfingsten ist das Fest des
Aufbruchs aus der Eindeutigkeit. Pfingsten ist ein Fest, an dem wir
aufgefordert werden, die Weit neu anzuschauen, sie neu zu begreifen. Die bisherige Betrachtung der Dinge reicht
nicht mehr aus, erst wenn wir durch die Oberfläche dringen und neue Aspekte
gewinnen, erschließt sich uns die mehrdimensionale Wirklichkeit.
Pfingsten
ist das Fest des Aufbruchs. Es bleiben alle zurück, die fertig sind mit ihren
Weltgebäuden.
„Der
Geist ist ein weit größerer Zerstörer als die Gewalt“', sagt der große
Theologe Pierre Teilhard de Chardin, „aber er baut auch mit derselben Geste
auf, mit der er umstürzt.“
Der
gleiche Geisthauch wärmt und kühlt, wirbelt durcheinander und führt zusammen,
lässt Altes zusammenbrechen und Neues erstehen.
Der Wind weht, wo er will; sagt der Herr selbst dem Nikodemus. Der Geist Gottes
ist immerfort am Werk. Es liegt nicht an uns, den Geist zu dirigieren, sondern seinem Hauch zu
folgen. Wir können ihn nicht in Dienst
nehmen, sondern werden von ihm eingefordert.
Er geht nicht in unsere Sprache ein, sondern verschlägt uns eher die
Sprache.
Er
bringt die Geschichte weiter, er treibt die Schöpfung ihrem Ziel zu. Und wenn
unsere Welt Festigung und Sicherung braucht, Sammlung und Heilung, dann kommt
der Geist mit seinen freundlichen und tröstlichen Gaben.
Wenn
sie aber einen vorwärtstreibenden Impuls braucht, dann weckt er das Neue und
Unbekannte und bringt die bisher maßgebliche Ordnung in ein Durcheinander.
Jesus
selbst hat den Geist angekündigt und charakterisiert: Er soll als Helfer
kommen, als Augenöffner und Interpret. Er wird das Neue eröffnen,
das Kommende kundtun.
Zu
den fahrigen und aufgeregten Gemütern, die nicht warten können und nichts
wachsen lassen, kommt er vielleicht als Geist der Gelassenheit und des
Schlafenkönnens.
Aber
zu den langweiligen und verschlafenen Wesen kommt er als der wachrüttelnde und
umstürzende Geist, der neue Horizonte zeigt.
Vielleicht
ergeht es Ihnen jetzt wie dem jungen Mann in der Geschichte am Anfang. Bevor
wir um den Geist bitten, brechen wir lieber wieder auf, verlassen wir diesen
Ort.
Denn
um welchen Geist sollen wir beten und bitten?
Nach
welchem Geist verlangen wir selbst? Welchen Geist benötigt unsere Kirche?
Welchen Geist braucht unsere Gesellschaft?
Nach
welchem Geist verlangen wir selbst?
Die
Antwort ist so vielfältig wie Menschen hier sitzen und zuhören. Wie kommen wir
dem auf die Spur, was wir brauchen?
Nelly Sachs sagt: Alles beginnt mit der Sehnsucht. Wir sind
eingeladen an einem solchen Festtag,
ehrlich zu sein vor uns selbst. Wohin treibt mich meine Sehnsucht? Was ist
meine Not, was sind meine Bedürfnisse, was sind meine Träume, was sind meine
Hoffnungen? Oft werden wir uns unserer wirklichen Sehnsucht nicht bewußt. Im
Oberflächlichen suchen wir die Befriedigung unserer vordergründigen Wünsche. Wer
ehrlich mit sich selbst umgeht, wird feststellen dass sich-widersprechende
Sehnsüchte in ihm aufsteigen: das Verlangen nach Sicherheit und Geborgenheit,
aber auch der Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit. Einerseits will ich;
anderseits würde ich gerne. Es geht darum, sich diese Ambivalenz einzugestehen
und zuzulassen.
Rilke
schreibt: Geh bis an deiner Sehnsucht
Rand, gib ihr Gewand. Aus ihr wird die Bitte um den Geist erwachsen. Ich
möchte sie ermuntern, an diesem Pfingstfest die Einladung zu hören, ihrer ganz
persönlichen Lebenssehnsucht auf die Spur zu kommen.
Welchen
Geist benötigt unsere Kirche?
Auch hier ist die Antwort nicht so einfach. Stellen
wir uns nur für einen Augenblick einmal vor, es hätte kein Pfingstfest damals
in Jerusalem gegeben, keine Herabkunft des Heiligen Geistes; dann hätte Petrus
vielleicht folgende Ansprache gehalten:
"Liebe Freunde in der Erinnerung an
Jesus! Inzwischen haben wir uns daran
gewöhnt, daß unser Freund Jesus nicht mehr bei uns ist. Von den Juden haben wir nichts mehr zu
befürchten, denn langsam haben sie sich beruhigt. Warum sollten wir von der
Sache wieder anfangen? Wir haben unsere Ruhe.
Das ist gut so, das soll so bleiben! Dann und wann wollen wir uns
treffen, um das Andenken an ihn in Ehren zu halten. Im übrigen soll alles so bleiben, wie es ist. Das ist für die
Beteiligten das Angenehmste. Fremde können in unserer Gruppe nur stören."
Soweit Petrus. Die Jünger trafen sich noch öfters,
fingen an, sich zu langweilen - und die Mittelmäßigkeit erlebte Höhepunkte. Mit
den Jahren starben sie. So ging die
Sache Jesu zu Ende.
Wir haben unsere Ruhe. Alles soll so bleiben wie es
ist – das
ist nicht das Motto einer geisterfüllten Gemeinschaft. Manchmal habe ich die
Sorge, dass wir in der Kirche dem Geist keine Chance mehr geben. Zuletzt war
ich in Bonn auf einer Pfarrversammlung. Es ging um die Zukunft der Gemeinde, um
die Kopperation mit den Nachbar-Gemeinden, die nicht etwa evangelisch, oder gar
muslimisch oder buddhistisch sind, sondern römisch-katholisch wie man selbst.
Die einzige Sorge an diesem Abend war, wie können wir verhindern, dass die
Nachbargemeinde an „unser“ Geld kommt. So geht die Sache Jesu zu Ende, möchte
ich auch hier prognostizieren.
Wir
führen in diesen Wochen einen groß angelegten Hearing-Prozess durch zum Thema
„City-Pastoral“. Dabei geht es um mehr als nur die Vorbereitung eines
Konzeptes. Wir kommen mit den Menschen in tiefe Gespräche über das, was
wesentlich ist in ihrem Leben, was ihnen heilig ist und woraus sie Kraft,
Zuversicht und Energie schöpfen. Das größte Erstaunen ruft bei den
Gesprächspartner immer wieder hervor, dass wir als Kirche zuerst hören wollen,
bevor wir reden. Das hat man von Kirche nicht erwartet.
Wenn
ich heute für die Kirche beten und bitten soll, dann würde ich um den Geist des
Hörens bitten, um den Geist der offenen Augen, der offenen Ohren, der offenen
Herzen. Der Geist, der uns lernen lässt, das Denken und Sprechen der Menschen,
ihr Fragen und ihr Dasein, damit wir daran die Botschaft neu buchstabieren
können, die wir den Menschen zu verkünden haben. Nur so bleiben wir eine
ecclesia semper reformanda – eine Kirche, die immer wieder vom Geist selbst
erneuert wird.
Welchen
Geist braucht unsere Gesellschaft?
Die
Antwort scheint auf der Hand zu liegen. Die Diskussion der letzten Wochen um
Embryonenforschung, um Prä-Implantationsdiagnostik ruft nach Gottes Geist.
Sie
führt uns aber auch in die Tiefe der menschlichen Existenz: das Verhältnis von
Eltern und Kindern, die Spannung von Gesundheit und Krankheit, von Unversehrtheit
und Behinderung, von Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit kommt zur Sprache. Tiefe
Ängste des Menschen werden für mich hörbar und auch die wachsende Unfähigkeit
des Menschen mit Belastungen umzugehen. Der Mensch wird nicht fertig damit,
dass es das Paradies auf Erden nicht gibt.
Der
alte Traum des Menschen, ein Kraut gegen die lebensbedrohenden Krankheiten zu
finden, scheint – glaubt man den Wissenschaftlern – greifbar nahe. Das damit
auch wirtschaftliche Interessen verbunden sind, liegt auf der Hand, auch wenn
man so offen nicht darüber spricht.
Sie
haben alle gehört oder gelesen, dass Wissenschaftler der Bonner Universität
jetzt embryonale Stammzellen importieren wollen, um so das strenge deutsche
Embryonenschutzgesetz zu unterlaufen, das die Produktion von embryonalen
Stammzellen zu Forschungszwecken verbietet.
Hier
wird mit einem Trick geltendes Recht unterlaufen und alle ethischen Bedenken in
den Wind geschlagen, die die Kirchen, der Bundespräsident und Politiker vieler
Parteien geäußert haben.
Ich
möchte an dieser Stelle den Rektor der Universität und alle verantwortlichen
Wissenschaftler auffordern: „Sorgen Sie dafür, dass an dieser Universität
nichts geschieht was im Widerspruch steht zu den grundlegenden
Wertvorstellungen des menschlichen Lebens. Der Name unserer Stadt steht für
Menschenrechte und Menschenwürde, so wie sie vor 52 Jahren hier im Grundgesetz
formuliert worden sind. Lassen Sie sich nicht zu, dass dies anders wird.“
Aber
ich möchte an diesem Pfingstfest auch beten um den Geist der Unterscheidung,
der uns lehrt, wahrzunehmen, was geschieht, der uns ehrliche Motive sehen und
achten lässt, der uns die Ängste der Menschen zeigt und Wege aufzeigt, damit
umzugehen. Möge uns der Geist, von dem die Schrift sagt, dass er auch die
Schöpfungskraft Gottes ist, uns helfen, die
Grenzen, die uns der Schöpfer setzt durch unser Alter, durch unsere Gesundheit,
Krankheit, durch unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten, zu akzeptieren, und
nicht immer wieder danach zu trachten, sie zu überspringen!