Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant

Mit diesem Papst ist auch ein Stück von uns mit gestorben

Predigt im Requiem für Papst Johannes Paul II.
6.April 2005

Liebe Schwestern und Brüder
Wenn etwas von uns fortgenommen wird, womit wir tief und wunderbar zusammenhängen, so ist viel von uns selber mit fortgenommen.
Wenn ich heute abend in unser Münster schaue, wenn ich mir die Bilder im Fernsehen anschaue, die Millionen Trauernder Menschen in aller Welt, die scheinbar unendlichen Schlangen vor dem Petersdom, in dem der tote Papst Johannes Paul II. aufgebahrt ist, dann bestätigt dies alles das Wort des Dichters Rainer Maria Rilke. Mit diesem Papst ist auch ein Stück von uns mit gestorben. Er war ein Fels, auf den man sich stützen, aber auch an dem sich stoßen konnte. So hat jeder seine Geschichte mit diesem Papst: Katholiken und Nicht-Katholiken, Christen und Nicht-Christen, Glaubende und Nicht-Glaubende – dieser Mann hat es geschafft, in irgendeiner Weise in Beziehung zu den Menschen zu treten.
Wenn gestern abend ein junger Mann in den Münsterladen kommt und sagt, „ich muss nach Rom, ich muss Abschied nehmen von diesem Papst, denn wegen ihm bin ich katholisch geworden“, wenn viele besonders auch junge Menschen, sich hier in das Kondolenzbuch eintragen, dann weiß ich, dieser alte Mann hat die Jugend erreicht, wie kein anderer auf dieser Welt. Ich glaube die jungen Menschen haben gespürt, der nimmt uns ernst, der traut uns was zu, der sieht in uns die Zukunft.
Und die jungen Menschen haben erkannt, da ist jemand, der redet nicht nur, der steht auch mit seiner Person ein für das, was er sagt. Da ist jemand, der redet uns nicht nach dem Mund, der ist nicht populistisch aus auf Beifall, sondern der ist überzeugt von dem, was er spricht.
In einer „väterlosen Gesellschaft“, und die beschränkt sich nicht auf Mitscherlichs Nachkriegsgesellschaft, in der die Väter mit vielen Dingen aber eben oft nicht mit ihren Kindern beschäftigt sind, wurde Johannes Paul II. zum Vater für viele junge Menschen, bei dem sie sich geborgen fühlten.
Die jungen Menschen haben auch die Botschaft des sterbenden Papstes verstanden: „Seid froh, denn ich bin es auch!“ – so mischt sich in ihre Trauer auch Freude. Ich werde die Bilder der Nacht zum Sonntag vom Petersplatz so schnell nicht vergessen: singende Menschen, die rhythmisch klatschen, die den Verstorbenen feiern, so wie sie es zu seinen Lebzeiten getan haben.

Uns begleiten heute in unserem Gedenken und unserer Trauer die Texte aus der Heiligen Schrift.
Im Evangelium sagte Jesus den Jünger in seinen Abschiedsworten: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!“(Joh 14,6)
Von dieser Botschaft war Papst Johannes Paul II, zutiefst überzeugt. In seiner ersten Predigt und später noch einmal in seiner Missionsenzyklika sagte er:
Ihr Völker alle, öffnet eure Tore für Christus! Sein Evangelium tut der Freiheit des Menschen, der anderen Kulturen gebührenden Achtung, allem Positiven in jeder Religion keinen Abbruch. (Redemptoris missio,1990)
Er wusste, Christus ist der Weg, der in die Zukunft führt. Der Fall des Eisernen Vorhangs beginnt 1979 auf dem Siegesplatz in Warschau, als der Papst seinem unterdrückten Volk und den kommunistischen Machthabern ins Stammbuch schreibt: „Daher kann man Christus nirgendwo auf Erden aus der Geschichte des Menschen ausschließen, gleich, um welchen Längen- oder Breitengrad es sich handelt. Der Ausschluss Christi aus der Geschichte des Menschen ist ein gegen den Menschen selbst gerichteter Akt.“(Ansprache auf dem Siegesplatz 1979)
Wenn ich mir unsere aufgeklärte, multikulturelle Gesellschaft anschaue, dann stimmt dieses Wort des Papstes nicht nur 1979, sondern auch im Jahre 2005. Der moderne Mensch meint, wenn er den Glauben in die Kirchen verbanne, lebe es sich leichter und freier.
Der tote Papst mit einer Medienpräsenz, die noch größer ist als zu seinen Lebzeiten, verkündet noch auf der Bahre im Petersdom für was er gelebt hat. Gott lässt sich nicht ausschließen aus dieser Welt, weil er selbst in Christus in diese Welt gekommen ist, in allem uns gleich, außer der Sünde.
Die Versuchung des Menschen, Gott zu töten und sich selbst an die Stelle Gottes zu setzen, ist gross. Aber das Wort Elie Wiesels gilt: „Jeder Mensch, der sich für Gott hält, tötet am Ende Menschen“.
Das Zeugnis des Papstes macht uns Mut, für die „Sache“ Gottes einzutreten. Eine fortschreitende Seelenlosigkeit in Wirtschaft und Technik läßt die Suche nach der Wahrheit über Gott, über den Menschen, über den Sinn des Lebens besonders dringlich erscheinen“, so hat er in einer Enzyklika (s.o) gesagt. Und ich füge hinzu: Wir wollen keinen Gottesstaat, aber auch keinen Staat, in dem Gott weggesperrt wird in die Kirchen, die Synagogen oder Moscheen.

In der Lesung hörten wir einen Text aus dem letzten Buch der Heiligen Schrift, aus der Geheimen Offenbarung des Johannes.(Offb 21,1-5) Im vorletzten Kapitel wird uns der Bauplan einer zukünftigen Welt vorgestellt: das himmlische Jerusalem, eine Stadt, in deren Mitte Gott wohnt, eine Stadt ohne Trauer, ohne Klage, ohne Mühsal, ohne Tod.
Von einer solchen Stadt träumen wir alle. Papst Johannes Paul sagte von ihr: Es ist ein Bild, das von einer eschatologischen (d.h. von einer zukünftigen, endzeitlichen) Wirklichkeit spricht: Es geht über all das hinaus, was der Mensch zu tun vermag; es ist ein Geschenk Gottes, das sich in der Endzeit erfüllen wird. Aber es ist keine Utopie: Es ist schon gegenwärtige Wirklichkeit.
Und er nennt als Beispiele: Diese Neuheit beginnt vor allem in der christlichen Gemeinde Gestalt anzunehmen, die schon jetzt »Wohnung Gottes unter den Menschen ist« (vgl. Offb 21, 3), in deren Schoß Gott schon am Werk ist und das Leben derer erneuert, die sich dem Wehen des Geistes unterwerfen. (Kirche in Europa 2003)
Aber nicht nur dort, wächst dieses himmlische Jerusalem unter den Menschen heran: Ein Widerschein dieser Neuheit zeigt sich auch in jeder Form menschlichen Zusammenlebens, die vom Evangelium beseelt ist, schreibt Johannes Paul 2003 (Kirche in Europa 2003).
Dabei war er kein Träumer – er hatte einen klaren Blick für die Realitäten dieser Welt: Es scheint oft, so sagte er, als ob die einzige und ausschließliche Dimension unserer Existenz ”diese Welt“ sei: ”das Reich dieser Welt“ mit seiner sichtbaren Gestalt, seinem atemberaubenden Fortschritt in Wissenschaft und Technik, in Kultur und Wirtschaft... atemberaubend und oft auch besorgniserregend! (Köln 15.11.1980)
Johannes Paul II wusste aber noch von einer anderen Wirklichkeit. Von ihr spracht er in seinen Predigten, Enzyklika und Briefen. Oft in ganz einfachen Worten, wie jene auf dem Butzweiler Hof in Köln am 15.November 1980:
Man kann nicht nur auf Probe leben, man kann nicht nur auf Probe sterben. Man kann nicht nur auf Probe lieben, nur auf Probe und Zeit einen Menschen annehmen.
Wie anders sähe allein unsere Gesellschaft aus, würde sie nur diesen Worten des Papstes folgen.

Liebe Schwestern und Brüder,
es wie beim Tod eines jeden Menschen: wenn die Anspannung der ersten Tage gewichen ist, werden wir nach und nach erkennen, was wir verloren haben.
Rainer Maria Rilke tröstet uns in dem schon am Anfang zitierten Gedicht und es könnten Worte des verstorbenen Papstes sein:
Gott aber will, dass wir uns wiederfinden, reicher um alles Verlorene und vermehrt um jeden unendlichen Schmerz. Amen