Wilfried Schumacher
Pfarrer

30.August 1998
Marterkapelle Endenich
vor seiner Einführung zum Münsterpfarrer und Stadtdechanten

Für mich ist dieser Gottesdienst sehr wichtig - die Märtyrer der thebäischen Legion waren die ersten Heiligen meiner Kindheit - ich erinnere mich, als ich als Meßdiener am Märtyrerfest dort unten kniete und die Figuren betrachtete - an ihrem Beispiel habe ich gelernt, was ein Heiliger ist. Am nächsten Wochenende werde ich als Pfarrer der Basilika in mein Amt eingeführt, in der die Märtyrer der thebäischen Legion begraben sind. Ich möchte gerne heute mit ihnen an dieser Stelle einen geistlichen Weg dorthin beginnen.

Das Herz der Stadt

Als im 3. Jahrhundert nach alter Tradition die Märtyrer der thebäischen Legion Cassius, Florentius und Malusius an dieser Stelle hingerichtet wurden, regierte im fernen Rom ein Kaiser, der sich wie viele seiner Vorgänger göttliche Züge gegeben hatte. Wer ihm nicht opferte, war ein Staatsfeind. Von Cassius, Florentius und Malusius erzählt die Legende, daß ihnen das Bekenntnis an den einen Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus wichtiger war als das Leben. Ihr Martyrium kündet deshalb durch die Jahrhunderte hindurch an diesem Ort, in dieser Stadt von der Entschiedenheit der Entscheidung für Jesus Christus.

Als vor über 50 Jahren die Schwestern aus diesem Kloster vertrieben wurden und das Haus umgewandelt wurde in ein Sammellager, von dem aus die Transporte in die KZ's gingen, regierte im fernen Berlin ein Mann, der sich ebenfalls göttliche Züge gegeben hatte. Wer ihm in seiner Verblendung nicht nachfolgte war ein Staatsfeind. Von vielen jüdischen Schwestern und Brüdern erzählt die Geschichte, daß sie mit dem ‚Schema jisrael' auf den Lippen in die Todeskammern gingen, mit dem Bekenntnis an den einen Gott: Schema Jisrael, Adonai elohenu, adonai echat -Höre Israel, unser Gott ist ein Einziger!

Aus dem Warschauer Ghetto ist ein Gebet überliefert, das ein eindrucksvolles Zeugnis ihres Glaubens gibt:
Gott von Israel - Du hast alles getan, damit ich nicht an dich glaube.
Solltest Du meinen, es wird dir gelingen, mich von meinem Weg abzubringen, so sage ich dir,
Mein Gott und Gott meiner Väter: es wird dir nicht gelingen.
Du kannst mich zu Tode peinigen, ich werde immer an dich glauben.
Ich werde dich immer liebhaben - dir selbst zum Trotz.
Ich sterbe, genau wie ich gelebt habe, im felsenfesten Glauben an dich
.

So ist dieser Ort durch ein doppeltes Martyrium geheiligt - das eine besingen wir in unseren Liedern; vor dem anderen stehen wir schweigend, weil in ihm unsere eigene Mit-Schuld und die unserer Väter offenbar wird. Vor diesem Hintergrund tun wir uns etwas schwer mit der Lesung des Hebräerbriefes. Diese Gegenüberstellung von alttestamentlichem und neutestamentlichem Gottesbild ist allenfalls aus der Zeit der Entstehung zu verstehen, als sich die junge christliche Gemeinde auch abgrenzen mußte.
Statt auf das Trennende, das Unterscheidende in diesem Text zu schauen, sind wir an diesem Ort eingeladen, das Verbindende wahrzunehmen: Am Sinai, wie auf dem Zion - um die Bilder an den Orten festzumachen, geht es um darum, daß der lebendige Gott seinem Volk fühlbar nahe gekommen ist und sich an den Menschen wendet mit einem Wort, in dem es um Letztes, um Tod und Leben geht!

Wir sind deshalb eingeladen, dankbar zu hören, wie der Verfasser des Hebräerbriefes von der Gemeinde der Getauften spricht:
Ihr seid hingetreten zum Berg Zion, zur Stadt des lebendigen Gottes, zu Tausenden von Engeln, zu einer festlichen Versammlung, zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind; zu Gott, dem Richter aller, zum Mittler eines neuen Bundes, Jesus. (Hebr 12,22-24a)

Die Bilder mögen unserer modernen Bilderwelt kaum noch entsprechen und doch spüren wir in Ihnen die Majestät Gottes und welche Gnade er uns zuteil werden ließ. Ebenso können wir dankbar wahrnehmen, welch kostbaren Schatz unsere jüdischen Schwestern und Brüder in ihrer Schrift bergen, in der etwas Gott selbst im Buch Hosea als leidenschaftlicher Liebhaber auftritt, der das Volk in die Wüste locken und ihm dort zu Herzen reden will. (Hos 2,16) Oder wie er im gleichen Buch in unüberbietbarer Zärtlichkeit dem Menschen gegenübertritt: Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb, Ich war es, der Efraim gehen lehrte, ich nahm ihn auf meine Arme. Ich war da für sie wie die (Eltern), die den Säugling an ihre Wangen heben. Ich neigte mich ihm zu und gab ihm zu essen.

Wer Gott so erfahren hat, der kann darauf nur antworten mit dem was uns, Christen und Juden verbindet: mit Anbetung. Deshalb sind die Orte die wichtigsten in dieser Stadt, an denen Gott angebetet und verherrlicht wird: ob in einer jüdischen Synagoge, in einer islamischen Moschee oder einer christlichen Kirche.

Nicht das Regierungsviertel, wo die große Politik gemacht wird, nicht die Universität, wo geforscht und gelehrt wird, nicht die vielen großen und kleinen Dienstleistungsbetriebe, wo das Geld verdient wird, sind das Herz dieser Stadt, sondern die Orte, wo das Lob Gottes nicht verstummt, wo sich immer ein Knie beugt vor dem lebendigen Gott.

Liebe Schwestern, die Christen, alle Menschen können froh sein, daß es solche Orte in der Stadt gibt, wo das Lob Gottes nicht verstummt. So leisten sie hier einen wichtigen Dienst für diese Stadt und ich bin hierher gekommen, um ihnen dafür zu danken und sie zu bitten, darin nicht nachzulassen.