Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant

Predigt am Fest der Stadtpatrone 2007 Bonner Münster 14.10.2007

Die Christen - ein Wohlgeruch für die Stadt
War Napoleon eine historische Person? Quellen unterschiedlicher Herkunft belegen dies und wir sind geneigt, dies anzunehmen.
Wie steht`s um Beethoven? Da haben wir seinen Taufbucheintrag, verschiedene Quellen, seine Musik. Es bedarf keiner Diskussion.
Karl der Große? Keiner wagt es zu bezweifeln, obwohl hier die Quellen schon widersprüchlich sind. Wenn wir so denken, sind wir ganz Kinder unserer Zeit: alles, was schriftlich fixiert ist, was bildlich dokumentiert ist und vielleicht auch noch elektronisch festgehalten wird, gehört zur Wirklichkeit. Bei allem anderen zweifeln wir.

Kommen wir zu Cassius und Florentius. Die erste Urkunde, die ihre Namen enthält, stammt aus dem Jahre 691. Relativ spät für Menschen, die im Jahre 303 bei der Christenverfolgung unter Diokletian und Maximinian ums Leben gekommen sein sollen. Über ihr Martyrium gibt es kein schriftliches Zeugnis, von den Christenverfolgungen gibt es keine Liste der Opfer. Historiker melden da schnell ihre Zweifel an. "Ob die überhaupt gelebt haben, weiß man nicht", hieß es Landesmuseum, als eine Kinderbuchautorin dort etwas nachforschte, weil sie ein Kinderbuch über Cassius und Florentius schreiben wollte. Klar, da verbrennt sich kein Historiker die Finger.

Aber es gibt noch einen anderen Zugang zur Wirklichkeit als der über schriftliche Zeugnisse, über Urkunden oder archäologische Funde. Seit dem 4.Jahrhundert werden an diesem Ort zum Gedenken an die Opfer der Christenverfolgung zwei Namen bewahrt: Cassius und Florentius. Ihre Verehrung tradiert sich durch die Jahrhunderte und wird im Lied unserer Stadtpatrone so zusammengefasst: "Ihr seid uns von Gott gegeben!"

Ihr seid uns von Gott gegeben! - Eine ganz andere Aussage - da geht es nicht mehr um die Historizität der Beiden, sondern ihr Leben wird in eine doppelte Relation gestellt. Sie sind uns gegeben von Gott. Zwei Menschen aus dem 4.Jahrhundert haben plötzlich etwas mit uns zu tun und wenn man die vielen Beterinnen und Beter in den letzten Tagen hier im Münster gesehen hat, dann ist dies vielen in unserer Stadt vielleicht neu bewusst geworden.
Es sind nicht mehr die "Söhne einer fernen Zeit", von denen man redet wie von Napoleon oder Karl dem Großen. Ihr Zeugnis und Vorbild wird ganz aktuell.

Christenverfolgung heute
Ausgerechnet am Festtag unserer Märtyrer, am 10.Oktober veröffentlichte die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte ihre Zahlen. Von den weltweit rund 2,1 Milliarden Christen leiden ca. 200 Millionen - also etwa jeder zehnte Christ - wegen ihres Glaubens unter Diskriminierungen, schwerwiegenden Benachteiligungen und zum Teil heftigen Anfeindungen bis hin zu Verfolgung.
Wenn man internationale Rechtsstandards als Maßstab nimmt, so ist die Lage von Millionen von Christen haarsträubend und zum Teil auch eine einzige Katastrophe. Was Verfolgung um des Glaubens willen bedeutet, können wir uns in unserem freiheitlichen Staat kaum vorstellen. Leider muss man feststellen, dass es sich bei der Mehrheit der Länder, in denen Christen um ihres Glaubens willen leiden müssen, um islamisch geprägte Staaten handelt. Darunter sind nicht nur ärmste Entwicklungsländer, sondern auch wohlhabende Golfstaaten und Urlaubs-"Paradiese" wie Ägypten.
Da tut es gut zu lesen, dass sich am Freitag eine Gruppe von rund 130 Islamgelehrten in einem Schreiben u.a. an den Papst für den Abbau von Spannungen zwischen Christen und Muslimen geworben hat. "Wenn Muslime und Christen nicht in Frieden leben, kann die Welt nicht in Frieden leben.", heißt es darin. Recht haben sie - aber das gilt nicht nur für unsere Breiten.

Cassius und Florentius sind wahrlich keine Söhne einer fernen Zeit - ihr Martyrium findet leider bis heute sein Echo im Leiden vieler verfolgten Christen.

"Lieblicher Wohlgeruch"
Von unseren beiden Heiligen wird in einem mittelalterlichen Hymnus gesagt, ihr Tod sei ein Opfer "lieblichen Geruchs" gewesen. Vielleicht ein Bild, das uns heute nicht mehr so ganz zugänglich ist. Obwohl wir doch alle Meister des guten Geruchs sind. Überall gibt es Duftkerzen und Duftöle, die die Räume behaglich machen sollen. Gerüche sind in unserer Welt ziemlich wichtig.
Wenn man jemanden nicht mag, sagt man: "Ich kann ihn nicht riechen" oder eine Sache, die mich ziemlich ärgert, "stinkt mir".
"Wir sind Christi Wohlgeruch", sagt Paulus in seinem 2.Korintherbrief - ein ungeheurer Anspruch in einer Welt, in der soviel zum Himmel stinkt.
Vielleicht kann man nur ein Wohlgeruch sein, nicht der Duft eines Parfüms, das schnell verfliegt, wenn man wie die Heiligen Stadtpatrone ein Mensch ist, der seine Fahne nicht nach dem Wind der Meinung anderer dreht, sondern mit seiner Existenz einsteht für das, was er glaubt, was sie für richtig erachtet, wovon er überzeugt ist.
Es gibt heute keinen Kaiser mehr, der als Gott verehrt werden will; aber trotzdem gibt es Situationen, in denen unsere Überzeugung, unser Glaube gefragt ist. Wir sind Christi Wohlgeruch - wir können im Kleinen damit anfangen in der Welt, in der wir leben, in unseren Familien, unseren Beziehungen, am Arbeitsplatz, in unserer Stadt.
Cassius, Florentius - ihr seid uns von Gott gegeben. Sie sind wie ein Pausenzeichen in unserem Alltag, in dem wir eingezwängt sind zwischen den Nachrichten vom Bahn-Streik und dem Afghanistan-Einsatz, zwischen Mindestlohn und der Agenda 2010 und all' unseren persönlichen Sorgen, die uns oft noch mehr berühren.

Cassius, Florentius - ihr seid uns Gott gegeben, ein Geschenk Gottes an uns, an diese Stadt, damit uns im Vielerlei des Lebens der Blick für das Wesentliche nicht verloren geht, damit wir die nicht vergessen, die auch heute noch leiden müssen, um des Himmelreiches willen, und damit wir selbst ein Wohlgeruch sind in dieser Welt. Amen.