Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant


Predigt zu Kunst|Frühling|Kirche
Ikarus 2004 –von Heike Weber
25.4.2004


Die Sage von Ikarus, die der römische Dichter Ovid erzählt, kennen die meisten in ihren wesentlichen Zügen:
Dädalus wurde der langen Verbannungszeit auf Kreta überdrüssig und dachte über einen Ausweg nach. Die einzige Möglichkeit war die Flucht über Luftweg. "Mag er(Minos)", sagte er, "Länder und Meere versperren"; "aber der Himmel steht sicher offen; wir werden dort gehen; Mag er auch alles besitzen, Minos besitzt nicht die Luft."

Er reihte verschieden lange Federn aneinander, er verband die Federn mit Wachs und krümmte sie leicht, so dass sie den Schwingen der Vögel glichen.
Der Vater ermahnte seinen Sohn Ikarus ihm direkt zu folgen, immer den Mittelweg zu wählen und nicht höher und nicht tiefer zu fliegen. "Ich ermahne dich, Icarus, dich auf mittlerer Bahn zu halten, damit, wenn du zu tief gehst, nicht die Wellen die Federn beschweren, und wenn du zu hoch fliegst, das Feuer sie nicht versengt. Zwischen beiden fliege!

Er legte seinem Sohn die Flügel um die Schultern und sie erhoben sich in die Lüfte.. Ikarus aber fand Gefallen am Fliegen und stieg immer höher und höher. Die glühend heissen Strahlen der Sonne schmolzen das Wachs und zerstörten seine Flügel. Einen Moment lang ruderte er hilflos mit den Armen in der Luft bevor er wie ein Stein vom Himmel fiel und im tiefblauen Meer, nahe der Küste, versank. Das Rufen des Vaters war umsonst, Ikarus war verloren.

„Hochmut kommt vor dem Fall“ sagt ein Sprichwort und diese Sage wird schnell als Beweis herangezogen. Andere zitieren sie, wenn von der Sehnsucht des Menschen die Rede ist, für andere ist sie der Beweis dafür, dass Mensch immer schon wie ein Vogel fliegen wollte. Manch einer sieht hier auch ein typisches Vater-Sohn-Thema: der Sohn, der nicht zufrieden ist mit der Vorgabe des Vaters und weiter, höher hinaus will.

Seit vergangener Woche hängt hinten über dem romanischen Taufstein in unserer Kirche im Rahmen des Projektes „Kunst-Frühling-Kirche“ die Installation „Ikarus“ der in Köln lebenden Künstlerin Heike Weber.

Was soll ein Motiv der antiken Sage in einer christlichen Kirche? Der Künstlerin geht es, so steht es in einer ausgelegten Erklärung „vor allem um die Visualisierung von Schwebezuständen, von Auflösung fest gefügter Strukturen“. Der Betrachter, so ist zu lesen, ist eingebunden in das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren, sich im luftleeren Raum zu bewegen, haltlos und zugleich unendlich frei, um sich letztendlich seiner Präsenz, seines Daseins bewusst zu werden“.

Aber anders als in einem Museum tritt das Kunstwerk hier in einen Dialog mit seiner neuen Umgebung. Der sakrale Raum ist nicht nur Ausstellungsort, sondern will mit dieser Installation korrespondieren.

Es erscheint mir deshalb wichtig zu sein, den stürzenden Ikarus in Korrespondenz mit dem alten Taufstein zu sehen, den eine moderne Darstellung der Arche Noah schmückt.

Gibt es nicht noch eine andere Dimension dieser alten Sage, die bisher nicht beschrieben ist und die hier die Verbindung aufnehmen kann?

Opifex nennt Ovid den Dädalus, übersetzt „Baumeister“. Den gleichen Begriff verwendet er noch einmal in seinem „Schöpfungsbericht“ , wo er den Schöpfergott so tituliert. Die Analogie ist gewiss gewollt.

Dann aber wird der Flug über das Meer zu einem Bild für die schwierige Bewältigung des Lebens. Es kann nur gelingen, wenn der Mensch sich an die Gesetze hält, die der Schöpfer der Natur und ihm selbst gesetzt hat.
Weicht er davon ab, verliert er das sittliche Gleichgewicht, stürzt er ab oder nimmt schweren Schaden.
Indem Dädalus seinem Sohn Lehren erteilt, tritt er gleichsam an die Stelle des Schöpfergottes. Der Sohn hingegen wird zum Bild des noch unerfahrenen Menschen, der sich um die Gesetze, die sein Leben im Gleichgewicht halten, nicht oder zu wenig kümmert.

Da sehe ich dann schon eher Zusammenhänge. Der fallende Ikarus trägt nicht mehr die Züge eines Menschen, der sich seiner Freiheit erfreut, sondern gleicht eher dem verzweifelten Sünder, nennen wir ihn bewußt so, der die Folgen seiner Ordnungslosigkeit, seiner Unordnung erfährt. Es ist, so die Sage, der freie Fall in den Tod, begleitet von den verzweifelten Rufen des Vaters.

Hier nun gibt der Ort der Installation eine andere Deutung: Taufstein und Arche Noach sind Zeichen einer neuen Wirklichkeit. Der Sünder fällt nicht ins Leere, fällt nicht in den Tod, sondern in die erbarmenden Hände Gottes. Der Gott unserer Väter hat Jesus auferweckt, den ihr ans Holz gehängt und ermordet habt. Ihn hat Gott als Herrscher und Retter an seine rechte Seite erhoben, um Israel die Umkehr und Vergebung der Sünden zu schenken. so hieß es in der ersten Lesung heute.
Schon im Alten Testament hören wir So wahr ich lebe - Spruch Gottes, des Herrn -, ich habe kein Gefallen am Tod des Schuldigen, sondern daran, daß er auf seinem Weg umkehrt und am Leben bleibt. (Ez 33,11)
Und der Schwur nach der Sintflut gilt auch weiterhin. Ich habe meinen Bund mit euch geschlossen: Nie wieder sollen alle Wesen aus Fleisch vom Wasser der Flut ausgerottet werden; nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben.(Gen 9,11)

Das Leben zu ordnen, es in der rechten Ordnung,d.h. in der Ordnung Gottes zu führen – ist die Lebensaufgabe des Menschen. Dass uns dies in der Zerbrechlichkeit unserer Existenz nicht immer gelingt und Gott darum weiß, erzählt auch das heutige Evangelium.
Da steht einer vor uns, der die Ordnung verlassen hat: Petrus, dessen dreimalige Verleugnung, seit den Tagen der Apostel den Christen in den Ohren klingt.
Wie oft mag er sich in den Tagen danach wie Ikarus gefühlt haben, der hinabstürzt.
Wir kennen dies aus ähnlichen Zusammenhängen: unser Versagen, unsere Sünde gibt uns im Nachhinein nicht das Gefühl von Freiheit, sondern eher die Angst des freien Falls, den Boden, den wir unter den Füßen verlieren, die Luft, die uns abgeschnürt wird.

Dann fahren die Gefühle Achterbahn in uns, da wir einsehen, wir selbst können uns nicht helfen, selbst nicht heil machen.

Welche eine Erlösung ist es dann, wenn uns jemand die Möglichkeit gibt, uns zu unserer Liebe zu bekennen, das Eigentliche, das Wesentliche in uns, ins Wort zu bringen.
„Petrus, liebst du mich als diese“ – Ja, sagt Petrus, du weißt dass ich Dich liebe, durch all’ mein Versagen hindurch, meine Schwäche, mein schnelles Reden, meine Angst, hast du das hoffentlich gespürt.

Der freie Fall des Sünders Petrus wird jäh gebremst. Die Liebe, die er bekennt, wird erwidert durch das Zutrauen des Herrn, „weide meine Schafe, weide meine Lämmer“.
Wir fallen nie tiefer als in Gottes Hände, pflegte unserer früherer Erzbischof Kardinal Höffner zu sagen und fügte hinzu. „Und Gottes Hände sind gute Hände.“.
Dort finden wir auch den Ikarus wieder.

Bildhinweis: Das Foto zeigt die Installation im Kunstmuseum / Heike Weber: Ikarus Kunstmuseum Bonn, / © VG Bild-Kunst, Bonn 2004