Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant
Predigt an Gründonnerstag 2001
„Dieses Jahr noch Sklaven – im künftigen freie Männer“ ,so beginnt das jüdische Pessach-Mahl, das von jedem Teilnehmer fordert, „sich so anzusehen, als sei er selbst aus Ägypten ausgezogen“.
Ein Mahl voller Riten, zu dem sich Jesus mit seinen Jüngern getroffen hat. Die Knechtschaft in Ägypten wird darin so geschildert, dass das Vergangene alle dunklen Farben der Gegenwart trägt, um dann im Rückblick auf die Vergangenheit für die Gegenwart zu erklären: Gott führte uns heraus und wird auch wieder herausführen.
Jeder
der vier Becher Wein, der getrunken wir, steht für einen Aspekt der Befreiung
Israels. „Ich bin Jahwe. Ich führe euch aus dem
Frondienst für die Ägypter heraus und rette euch aus der Sklaverei. Ich erlöse
euch mit hoch erhobenem Arm und durch ein gewaltiges Strafgericht über sie. Ich
nehme euch als mein Volk an und werde euer Gott sein. Und ihr sollt wissen, daß
ich Jahwe bin, euer Gott, der euch aus dem Frondienst in Ägypten herausführt.“, so hatte Gott dem Mose gesagt ( Ex 6,6f)
Gott will also Herausführen – Befreien –
Erlösen– Erwählen.
Schauen wir auf diese Tat Gottes nicht in der
Vergangenheit des Auszugs aus Ägypten, sondern in der Gegenwart unseres Lebens.
Vielleicht haben Sie es auch schon einmal erlebt, dass Sie irgendwo hingefahren sind, mit Vorstellungen und Träumen und mussten ernüchtert feststellen, „eigentlich ist es das ja nicht was ich mir vorgestellt habe“. Da fehlt etwas, ohne das ich es benennen kann. Ähnliche, aber viel existentiellere Erfahrungen machen Menschen, die eine Beziehung eingegangen sind, und plötzlich sagen „das ist nicht das, was ich mir erträumt habe – irgendetwas fehlt“. Oder Menschen, die sich mit Engagement auf ihr Berufsleben vorbereitet haben, die eine gute Anstellung gefunden und „gut Geld“ verdienen, klingen plötzlich sehr resigniert, wenn sie resümieren „soll es da gewesen sein, für das ich bisher gelebt habe“. Sie wohnen gleichsam in einem Land, in dem sie sich nicht zuhause und beheimatet fühlen.
Die Botschaft von Pessach ist: Gott will sie herausführen.
Die Knechtschaft, in der wir heute leben, hat andere Namen. Ignatius von Loyola spricht von ungeordneten Anhänglichkeiten. Am deutlichsten wird dies wohl im Phänomen der Sucht: Drogensucht, Alkoholabhängigkeit, Klatschsucht, sexuelle Hörigkeit, Lesewut, Geltungssucht, Beziehungssucht, Fernsehabhängigkeit – dies alles sind verschiedene Weisen wie ein Mensch von einem Stoff, von Gewohnheiten, von Menschen und vor allem von sich selbst in einer unfreien Weise abhängig sein kann. Oft sind wir Sklaven unserer Arbeit, des Telefons, der sogenannten Dringlichkeit. Wir sind abhängig von Schlagwörtern und Redensarten, Sympathien und Antipathien. Wahrscheinlich kann jeder hier noch seine eigene Sklaverei benennen.
Die Botschaft von Pessach ist: Gott will Sie befreien.
Seit den Tagen des Paradieses ist es die grosse Versuchung des Menschen, sein zu wollen wie Gott. Nicht Geschöpf, sondern Schöpfer. Nicht begrenzt in seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten, sondern unbegrenzt auch über diese Erde hinaus. Dieses Verlangen macht ihn rastlos, ruhelos. Der Mensch verliert den Blick für die Realität seines Lebens.
Die Botschaft von Pessach ist: Gott will ihn erlösen.
Gott will erwählen
„Sind Sie jetzt entsetzt?“, fragte mich mein Gesprächspartner als er mir seine Lebensgeschichte erzählt hatte, in der er immer noch etwas nachgelegt hatte in der Hoffnung doch endlich das Entsetzen in meinen Augen sehen zu können. Er wollte Ablehnung wie er sie bisher immer erfahren hatte. Im Tiefesten aber wollte er Liebe, wollte er bejaht werden. Aus der Angst heraus ungeliebt zu sein, produziert der Mensch verzweifelte Versuche der Selbstbestätigung und Selbstdarstellung. Hinter der schrecklichen Angst vor der kleinsten Kritik, hinter dem zerstörerischen Leistungszwang, hinter Perfektionismus, hinter Macht- und Geldgier stecken Minderwertigkeitsgefühle und die Sehnsucht nach Liebe. Der Mensch will kein Niemand sein.
Die Botschaft von Pessach heisst: Gott will ihn erwählen.
Der fünfte Becher
Beim Pessach-Mahl gibt es auch einen fünften Becher, von dem aber niemand trinkt. Er ist bestimmt für den Propheten Elia, den man als Vorboten der künftigen Erlösung Israels erwartet.
Die Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas überliefern uns, dass Jesus beim letzten Abendmahl dieses fünften Becher nimmt, um damit die Eucharistie zu stiften. Das, was an Pessach gefeiert wird, Gott führt heraus, er befreit, er erlöst und er erwählt, ist in Jesus Wirklichkeit geworden.
Der Evangelist Johannes berichtet stattdessen von dieser merkwürdigen Zeichenhandlung während des Pessachmahles, der Fusswaschung, die Jesus selbst im Gespräch mit Petrus deutet: „Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir“. Hier geht es um eine Beziehung, die Petrus zuerst zulassen muss.
Nur in dieser Beziehung kann Petrus und können wir mit ihm erfahren, wo das gelobte Land ist, in dem er sich zuhause fühlt.
Nur in dieser Beziehung kann Petrus und können wir mit ihm erfahren, dass die Unterwerfung unter Gottes Willen Befreiung bedeutet und dies in Hingabe geschieht.
Nur in dieser Beziehung kann Petrus und können wir mit ihm erfahren, dass die Realität des eigenen Lebens auch eine Zukunft hat.
Nur in dieser Beziehung kann Petrus und können wir mit ihm erfahren, dass die Erwählung durch geschehen ist, der vor ihm kniet und ihn nach unten und nicht oben ruft.
Der
anschliessende Dialog offenbart, dass Petrus noch nicht verstanden hat. Er wird
die dunkelste Nacht seines Lebens durchmachen müssen, um das Licht der Erlösung
zu sehen. Er braucht noch etwas Zeit, um sich wirklich als Befreiter und
Erlöster zu sehen.
Wir dürfen also heute abend auch hier sein wie Petrus mit unseren Zweifeln und unseren Vorbehalten, mit unserer falschen Selbstsicherheit.
Der Herr kniet auch vor uns nieder, reicht sich uns selbst unter den Gestalten von Brot und Wein und lädt uns ein, mit ihm zu gehen in diese heiligen Tage. Amen