Wilfried Schumacher

Pfarrer & Stadtdechant

 

Predigt Fronleichnam 2003

 

Wir bringen den Himmel auf die Erde

 

Liebe Brüder und Schwestern,

 

wir machen es im Großen und Ganzen wie im Vorjahr, war meine lapidare Antwort an die Mitarbeiter, wenn mitten im Festtrubel der 850 Jahrfeier nach dem Fronleichnamsfest gefragt wurde.

 

Wie im Vorjahr? Die Welt hat sich verändert – am auffälligsten durch den Irak-Krieg –

und wir ändern nichts.

 

Wie im Vorjahr – unsere kleine Welt, wir haben uns verändert, wir sind älter geworden, haben mehr Verantwortung übernommen, sind in den Ruhestand gegangen, haben eine Arbeit gefunden oder auch verloren, haben geheiratet, ein  Kind bekommen, haben einen Menschen verloren –

vieles hat sich verändert und wir feiern hier wie im Vorjahr.

 

Wird das Fronleichnamsfest zur bloßen Wiederholung des Bekannten?

 

In seinem Roman „Die Wiederholung“ weist Peter Handke darauf hin, dass man das Wort „Wiederholung“ zweifach schreiben kann: zusammen und getrennt.

 

Wiederholen bedeutet für ihn nicht ein Sichwiederholen, sondern ein sich- wieder- holen,

einen neuen Anfang zu machen,

zu den Ursprüngen zurückzukehren, erneut zu fragen, um was geht es uns hier, wenn wir uns hier versammeln.

In diesem Sinn gern: Fronleichnam 2003 – eine Wiederholung.

 

Unsere Prozession durch die Stadt ist ein altes Ritual.

Wie alle Rituale stellt es sinnenhaft dar, was zuerst einmal unsren Sinnen nicht zugänglich ist.

In unserem  Herzen gibt es ein glaubendes Wissen um die Welt Gottes, die wir gerne als heil und heilig bezeichnen, als bergend, tröstend, oder wie es in der 1. Lesung hieß – eine Welt ohne Tod, Tränen, Klage, ohne Mühsal und Trauer.

 

Mit dieser Welt treten wir in dieser Stunde in Beziehung – wir inszenieren diese nicht- alltägliche Welt mit Mitteln dieser Welt, mit einer festlichen Sprache, mit anderer Kleidung, mit Blumen, eigenen Düften wie dem des Weihrauch, besonderer Musik.

In diesem Ritual bringen wir den Himmel auf die Erde.

 

Die Hostie, die wir gleich durch die Strassen tragen, spricht eine deutliche Sprache: kein Brot, keine Speise dieser Welt macht richtig satt.

 

Die Welt und ihre Überlebenstechniken mögen vielleicht eine Zeit lang beim Überleben helfen, aber sie können nicht helfen, wirklich zu leben.

Der Mensch lebt nicht vom Brot dieser Welt allein.

 

Aber dieses Sakrament der Gegenwart Gottes wird immer weniger verstanden – und auch heute morgen wird uns manch ungläubiger Blick begleiten.

 

Indem wir so durch die Strassen ziehen werden wir alle zum Symbol, wir alle sind Zeichen, wir alle sind Sakrament.

 

Unser Tun ist nicht Folklore, sondern Zeichen: unsere Existenz als Christen ist für uns kein Privatvergnügen, sondern Dienst an der Welt, im besten Fall ein „Abbild des Himmels“.

Dies zu behaupten, ist gefährlich, weil überprüfbar – und wir müssen bekennen, dass wir als Einzelne und als Gemeinschaft oft hinter diesem Anspruch zurückgeblieben sind.

 

„Frag hundert Katholiken, was das Wichtigste ist in der Messe.

 Sie werden antworten: die Wandlung“.

Sag hundert Katholiken, daß das Wichtigste in der Kirche die Wandlung ist.

Sie werden empört sei: Nein, alles soll so bleiben, wie es ist“,

schrieb Lothar Zenetti in den 70er Jahren unter dem Eindruck des II.Vatikanums und seiner Konsequenzen.

 

Zum hl. Augustinus sagte Jesus in ein er Vision: „Iß mich! Doch nicht du wirst mich in dich verwandeln…sondern ich werde dich in mich verwandeln“

Wenn wir zum Tisch des Herrn  gehen, ist es anders als beim üblichen  Essen und Trinken. Nicht wir verleiben uns den Herrn ein, sondern umgekehrt- er macht uns sich gleich, wir werden ein Leib mit ihm.

Nicht nur Brot und Wein werden verwandelt, sondern auch unsere Wandlung steht an.

 

Wenn wir den Himmel auf diese Erde bringen wollen, dann müssen wir uns wandeln.

 

Zuerst einmal in der Tiefe unserer eigenen Existenz. Wir selbst müssen einen Vorgeschmack des Himmels bekommnen. In der Begegnung mit dem Herrn gilt es, selbst heiler und heiliger zu werden, Trost und Freude zu erfahren.

 

Dann werden wir das sein können, was das II.Vatikanische Konzil von der Kirche sagt: „Freunde und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen Widerhall fände“

 

Kirche darf nicht mit mürrischem Gesicht am Zaun der Welt von heute stehen – nur mit sich selbst beschäftigt.

Wir schauen nicht ärgerlich zu, sondern steigen über den Zaun, um mitten in der Welt zu sein – nicht nur am Fronleichnamsfest. Ein englisches Sprichwort sagt: „Ein Schiff, das im Hafen liegt, ist zwar sicher, aber dafür werden Schiffe nicht gebaut“.

 

Wenn wir den Himmel auf diese Erde bringen wollen, dann geschieht dies in Solidarität mit den Menschen, in der „Gefährtenschaft mit den Schwachen“, wie es ein Theologe formulierte.

 

Das ereignet sich vieltausendfach in unserer Stadt jeden Tag, wo Menschen einfach zupacken, ganz, konkret, ganz praktisch, ganz handgreiflich, ohne viel Aufhaben davon zu machen.

 

Das ereignet sich jeden Tag in unserer Stadt sehr professionell in unseren Krankenhäusern und Altenheimen, in den Pflegediensten und in den Beratungsstellen, in den Horten, Offenen Türen, Kindertagesstätten.

 

Das geschieht aber auch, indem wir mahnend unsere Stimme erheben.

 

So ist mir unverständlich, weshalb der Staat einerseits arbeitslose Jugendliche unterstützt, die nur schwer in einer Lehre unterzubringen sind, und gleichzeitig die Mittel für diejenigen streicht, die ihnen aus der Arbeitslosigkeit heraus helfen sollen.

Für unsere Stadt heißt dies, dass wir Abschied nehmen müssen von einigen erfolgreichen Projekten der Vermittlung arbeitsloser Jugendlicher in Ausbildungsstätten.

Gefährtenschaft mit den Schwachen“ bedeutet für mich, diesen jungen Menschen eine Stimme zu geben.

Gefährtenschaft mit den Schwachen“ heißt auch die Stimme für die Kinder zu erheben, denen man ab dem nächsten Schuljahr eine Ganztagsschule anbietet, wo zwar Schule draufsteht, aber keine Schule drin ist.

Gefährtenschaft mit den Schwachen“ heißt auch darauf hinzuweisen, dass der Landtag vor 2 Wochen ein Bestattungsgesetz verabschiedet hat, das unseren christlichen Werten in einigen Punkten nicht entspricht, und das nach der Sommerpause von unserem Stadtrat für unsere Stadt übernommen oder modifiziert werden kann.

 

Wir werden es nie schaffen, den ganzen Himmel auf die Erde zu bringen, aber ein Abbild davon mag schon reichen, um in uns und anderen die Sehnsucht nach ihm wachzuhalten. Davon soll unser Tun heute Zeugnis geben. Amen