Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant
Das Bonner Münster – ein architektonisches Aggiornamento
Einführung in die Liturgie:
Diese Basilika birgt eine der
ältesten christlichen Gedächtnisstätten unseres Landes, das Grab der Martyrer Cassius und Florentius vom Ende des 3. Jahrhunderts.
Heute feiern wir hier gleich
zwei Feste: am 2.Mai 1166 wurden die Gebeine der Martyrer zur Ehre der Altäre
erhoben, was einer Heiligsprechung gleichkam.
Am 3.Mai 1153 fand die Weihe
dieser Kirche statt. Mit dem alttestamentlichen Beter können wir sprechen: Einen
Ort, wo du thronst, Herr, hast du gemacht; ein Heiligtum, Herr, haben deine
Hände gegründet (Ex 15,17)
Predigt zur Feier der Erhebung der Gebeine am 5.5.2002
Manchmal wünsche ich mir, wir
könnten wie in einer Zeitmaschine uns in das 12. Jahrhundert versetzen lassen,
und zuschauen wie die Menschen damals den Tag begangen haben, dessen wir heute
gedenken. Der Propst Gerhard von Are ließ im Beisein des Erzbischofs Rainald
von Dassel, der erst 2 Jahr zuvor die Reliquien der Dreikönige mit an den Rhein
gebracht hatte, die Gebeine der Martyrer aus ihren Gräbern holen und in
kostbaren Schreinen auf den Altären aussetzen, sie wurden zur Ehre der Altäre
erhoben, heiliggesprochen.
Das Münster war noch nicht
fertig. 100 Jahre vorher hatte man mit dem Bau begonnen und es sollte noch 100
Jahre dauern bis es vollendet war.
Am 3. Mai 1153 wurde der bis
dahin fertiggestellte Bau eingeweiht.
Könnten wir einen Blick auf
die Situation im 12. Jahrhundert werfen, würden wir hier Baumeister aus Europa
finden. Kirchen in Genf und Lausanne sollen architektonisch mit unserem Münster
verwandt sein. Es gibt keinen fertigen Plan für dieses Bauwerk, den man in den
2 Jahrhunderten verwirklichen hätte können. Dieses Münsters ist vielmehr
entstanden aus einer Auseinandersetzung mit den jeweiligen großen geistigen
Strömungen in der Gesellschaft.
Man könnte auch sagen: dieses
Münster wurde jeweils „a jour“ gebracht, „aggionare“
sagen die Italiener dafür, und wir hören schon das grosse
Wort des II.Vatikanischen Konzils „aggiornamento“.
Als die Menschen mit dem Bau
begannen, beherrschte noch die Romanik die Architektur – die Botschaft von Gott
dem König und Herrscher - und so wurden die Kirchen zu seinen mächtigen Burgen.
Doch schon bald kam die Idee
der Gotik von Frankreich her auch ins Rheinland. Gottes Wohnung unter den
Menschen, Bilder aus der Geheimen Offenbarung, eine Stadt aus Glas,
transparent, durchschienen vom Licht der Sonne, ohne Sünde.
Die Mauern der Romanik wurden
aufgebrochen, große Flächen aus Glas ließen alles Licht herein.
Die Menschen, die das Bonner
Münster bauten, rissen nicht einfach die alten Mauern nieder, ersetzten
Romanisches durch Gotisches. Sie versuchten vielmehr, beide Stile miteinander
zu verbinden. So finden wir in unserem Gotteshaus eine gelungene Synthese vor,
einen Raum, der altes und neues miteinander verbindet und vielleicht gerade
deshalb viele Menschen anspricht, ihnen Heimat bietet.
Wir könnten dies jetzt
Jahrhundert für Jahrhundert durchbuchstabieren; immer ist es das gleiche
Muster: ein grosses architektonisches Aggiornamento.
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In der Barockzeit
etwa riss man den Lettner nieder, der den Raum der Kleriker vom Laienraum
trennte, man schuf diese Treppenanlage, die an eine Theaterbühne erinnert.
„Liturgie als heiliges Spiel“, gemäss dem Verständnis
der Zeit.
·
Als im
19.Jahrhundert die beiden Pfarrkirchen aufgelöst wurden, die in unmittelbarer
Nachbarschaft standen, war es keine Frage, die beiden Taufbrunnen zu übernehmen
und so das Andenken an die Tradition dieser beiden Orte zu bewahren.
·
Die Ausmalung des
Hochchors Ende des 19.Jahrunderts geschah zwar unter Berücksichtigung der
mittelalterlichen Thematik, aber im Stil der Zeit – so wie man halt eben am
Ende des 19.Jahrhunderts malte. Unser Münster wurde a jour gebracht!
·
Letzte große
bauliche Veränderung nach dem II.Vatikanischen Konzil
war der Zelebrationsaltar in der Vierung.
Er verschaffte uns einen zusätzlichen Gottesdienstraum verschaffte, den sogenannten „Hochchor“, den wir seit einigen Jahren
besonders für unterschiedliche Gottesdienste nutzen.
Unser Münster ist ein
wichtiger Ort für viele Menschen:
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Es ist Heimat für
die Gemeinde am Münster, die sich zusammensetzt aus denen, die rund um dieses
Gotteshaus herum wohnen und denen, die hier zum Gottesdienst kommen
·
Es ist Ort der
Ruhe und der Sammlung für viele, die in der Bonner Innenstadt arbeiten oder
einkaufen, die es schätzen, hier einen Raum zu finden, in dem andere Gesetze
herrschen als in den Strassen der City
·
Es ist eine
Stätte des Schauens und Staunens für viele Touristen und Besucher, die sich von
seiner Architektur gefangen nehmen lassen.
Oft frage ich mich, weshalb
eigentlich? Gewiss wir bemühen uns um eine gute Liturgie und auch die
Kirchenmusik kann sich hören lassen, aber ich glaube, dass die Menschen hier
spüren, dass das Münster von seiner Architektur her sehr ihrer
Lebenswirklichkeit entspricht.
Im Alltag unseres Lebens, in
der Ausbildung, in der Erziehung unserer Kinder, an unserem Arbeitsplatz sind
wir immer gefordert, unsere eigenen Biografie mit einzubringen, unsere
Erfahrungen, vor allem auch unsere Verletzungen und Verwundungen, und
gleichzeitig müssen wir auf der Höhe der Zeit sein.
Wir können unsere
Vergangenheit nicht abstreifen wie ein altes Hemd. Wir tragen sie mit uns und
in uns wie etwas ganz Kostbares. Aber „wir
brauchen nicht so fort zu leben, wie wir gestern gelebt haben“, schreibt
Christian Morgenstern in einem seiner Gedichte. „Macht euch nur von dieser Anschauung los, und tausend Möglichkeiten
laden uns zu neuem Leben ein.“
Unser Leben ist ein
alltägliches Aggiornamento.
Je komplizierter unser
Lebensalltag, je mehr Beweglichkeit von uns Menschen abverlangt wird, je
unbehauster wir sind, je mehr sehnen wir uns nach einem Ort, wo alles so ist,
wie es einmal war, wo nichts sich verändert. Für viele Menschen wird ihre
Religion, wird die Kirche zu einem solchen Raum.
Manche von ihnen halten
krampfhaft am Alten fest, haben einen überkommenden Bauplan in der Hand,
nachdem sich das Weltenhaus nicht mehr bauen lässt, wohl aber die Kammer des
eigenen Glaubens.
Dabei merken sie nicht wie
Welt an ihnen vorbeizieht, wie sie nicht mehr imstande sind, den Menschen Zeugnis von der Hoffnung zu geben, wie
es in der 2.Lesung hieß.
Mich erschreckt, dass viele
dieser Menschen, die krampfhaft am Alten festhalten, freudlose Menschen sind.
Wenn man in ihre Gesichter schaut, gibt es bei vielen nirgendwo die Spur von
Hoffnung und Freude, stattdessen Angst und Verkrampfung. Das alte Wort von
Friedrich Nietzsche steht ihnen ins Gesicht geschrieben: „Erlöster müssten sie
aussehen!“
Das Münster mitten in unserer
Stadt – weithin sichtbar für alle – steht für klare Positionen des Glaubens
einerseits und für das Aggiornamento, das Auf-der-Höhe-der-Zeit sein andererseits. Unsere Vorfahren sind
mit dieser Lebenshaltung gut gefahren und mir scheint, dass viele Zeitgenossen,
die die offenen Türen dieser Basilika schätzen, genau dieses Zeugnis der
Architektur dieses Gotteshauses verstehen. Dafür sei Gott gedankt. Amen