Wilfried Schumacher
Stadtdechant

 

Gewicht haben sie nur zusammen -
Betrachtung zu Mk 10, 2ff – Predigt am 27.Sonntag im Lesejahr B

Mehr und mehr wandelte sich das Leben in ein belastendes Zusammensein zweier Menschen. Übrig blieb nur die Summe der Pflichten, abgesprochen von Fall zu Fall. Zunehmend ging dabei der reine, beflügelnde Geschmack verloren. - Eine sehr realistische Beschreibung einer Ehrekrise, die uns in dem polnischen Theaterstück „Der Laden des Goldschmieds“ überliefert wird.

 Ich glaubte, es sei Stefans Schuld, mich selbst sprach ich von Schuld frei, sagt die Frau mit Überzeugung und sie hat die Idee, ihren Ehering vorteilhaft zu verkaufen, da er ein Band symbolisierte, das kaum noch vorhanden war. Stefan würde es wohl nicht einmal merken – ich war kaum mehr für ihn vorhanden. Ob er mich betrog – ich weiß es nicht, denn auch ich kümmerte mich nicht um ihn. Er war mir gleichgültig geworden.

In dieser Stimmung betritt sie den Laden des Goldschmieds.
Der Goldschmied betrachtete die Arbeit, wog den Ring lange in Händen und blickte der Frau in die Augen. Dann las er kurz das Datum der Trauung innen im Ring. Wieder schaute er der Frau in die Augen, legte das Stück auf die Waage und meinte: „Dieser Ring ist ohne Gewicht, die Waage zeigt Null, und ich kann ihr kein einziges Milligramm entlocken. Ihr Mann lebt offenbar – denn für den Fall ist jeder Ring für sich ohne Gewicht – Gewicht haben sie nur zusammen.
Meine Goldwaage hat die Eigenschaft, nicht das Metall, sondern Sein und Los des Menschen zu wiegen.“ Beschämt nimmt sie Ring zurück und verließ wortlos den Laden.

 Gewicht haben sie nur zusammen – das klingt wie ein Kommentar zum Text aus dem Buch Genesis, das wir heute in der ersten Lesung gehört haben, und auf den Jesus in seinem Streitgespräch mit den Pharisäern Bezug nimmt.

Die Pharisäer kommen zu Jesus mit einer Frage um, wie es ausdrücklich heißt, ihm eine Falle zu stellen. Die Frage ist, ob ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen kann. Sie benutzen ein Zitat aus der Bibel, um Jesus damit bloß zu stellen. Denn in der Tat finden sich im Buch Deuteronomium Regelungen, nach denen ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen kann.

Jesus aber lässt sich auf diese Diskussion nicht ein. "Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch dieses Gebot gegeben."
Das verhärtete Herz –das griechische Wort "sklerokardía" könnte aus der inneren Medizin stammen: Sklerose des Herzens. Durch lange Gewohnheit verhärtetes Herz. Wer fragt, was "das Gesetz erlaubt" leidet an der Sklerose des Herzens, denn er hat das Gespür dafür verloren hat, was die Welt von ihrem Ursprung in Gott her ist. Er gleicht eher jemandem, der nach den Schlupflöchern Ausschau hält, die das Gesetz ihm bietet.

Jesus geht es nicht um legalistische Regelungen für den Mann in der Ehe, sondern um den Menschen. Dies wird deutlich, wenn er wörtlich sagt: "Darum wird der Mensch Vater und Mutter verlassen" Jesus zitiert den Schöpfungsbericht und spricht statt vom Mann vom Menschen - a;nqrwpoj

Wo die Pharisäer aber nach den Rechten des Mannes fragen, antwortet Jesus im griechischen Original eindeutig mit der Schöpfungsordnung des Menschen! Ein kurzer Blick in das 2.Kapitel des Buches Genesis lässt dies noch deutlicher werden: Da wird erzählt, wie Adam, was übersetzt Mensch und nicht Mann bedeutet, von Gott geführt, die Schöpfung wahrnimmt und benennt. Zugleich muss er feststellen, dass es kein Wesen gibt, welches ihm gleicht und dass er allein ist in seiner Art. Gott nimmt dies als Mangel wahr und erschafft aus der Rippe des Menschen ein weiteres Wesen. Im Hebräischen findet sich hier das Wortspiel "isch" - "isch-scha", was man übersetzen kann mit Mann - Männin. "Dies endlich ist Fleisch von meinem Fleisch, und Bein von meinem Bein." Mann und Frau sind einander gleichrangig als von Gott gewollte und ihm ebenbildliche Geschöpfe und aufeinander hingeordnet.

Hier in den ersten Versen der Bibel ist die Ehe grundgelegt als die Lebensform des Menschen – in der griechischen Tradition findet Platon eine andere Begründung, der Mensch sei ursprünglich kugelgestaltig, das heißt ganz in sich selbst und sich selbst genügend gewesen, aber von Zeus zur Strafe für seinen Hochmut halbiert worden, so dass er sich nun immerfort nach der anderen Hälfte seiner selbst sehnt, nach ihr unterwegs ist, um wieder zur Ganzheit zu finden.  

Die biblische wie die griechische Tradition zeigen: die Ehe zwischen Mann und Frau ist wohl das älteste Kulturgut des Menschen und es muss schon erstaunen, wenn man heute von eheähnlichen Gemeinschaften spricht und gar die Partnerschaft zwischen Männern das Attribut „Ehe“ erhält. Die deutsche Gesetzessprache spricht inzwischen von „Bedarfsgemeinschaften“ und es fällt schon auf, wie auch in europäischen Gesetzestexten das Wort „Ehe“ fehlt und zunehmend durch „Familie“ ersetzt wird. Ehe scheint nicht mehr zu interessieren und verliert an Wert.

Hören wir noch einmal bewusst, das Versprechen, dass sich die Eheleute in der Trauung geben:

Ich nehme dich an als meinen Mann/ meine Frau.
Ich verspreche dir die Treue in guten und in bösen Tagen,
in Gesundheit und Krankheit
bis der Tod uns scheidet.
Ich will dich lieben, achten und ehren – solange ich lebe.

1.)     Ich nehme dich an als meinen Mann/meine Frau
d.h. du bist der/du bist die, zu der ich mich hingezogen fühle, um endlich ganz zu sein. In dir finde ich mein Glück.

2.)     Ich verspreche dir die Treue
d.h. es geht nicht nur um mein Glück, sondern ich will immer mehr dein Glück, das beginnt damit, dass unsere Liebe ungeteilt ist.
Die Treue ist der feste Boden, auf dem der andere stehen kann. Sie ist der Rückzugsort in allen Kämpfen des Lebens. Deshalb ist die Untreue eine der schlimmsten Sünden, die es gibt, weil sie dem anderen wissentlich oder unwissentlich den Boden unter den Füßen wegzieht.

3.)     in guten und in bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit, bis der Tod uns scheidet
d.h. ich will für dich sorgen, ich will für dich da sein, was immer auch kommen mag.
Ein solches Versprechen können sich nur zwei liebende Menschen geben. Es bietet dem anderen auch ein ökonomisches Sicherungssystem. An dieser Stelle zeigt sich, wozu der Staat in der Lage ist – das kann/das muss er auch seinen Bürgern nicht versprechen. Aber er kann nur existieren, weil Menschen sich dieses Versprechen geben.

4.)     Ich will dich lieben, achten und ehren – solange ich lebe.
Weil diese Liebe in der Schöpfungsordnung gründet, ja weil der Schöpfer selbst diese Liebe in uns hineingelegt hat, trägt sie göttliche Züge und ist angelegt auf Unendlichkeit. Ehe ist nicht eine Lebensabschnittspartnerschaft, nicht eine Nutzerwägung, sondern Hingabe. Papst Johannes Paul II, von dem übrigens auch die Geschichte „Der Laden des Goldschmieds“ am Anfang stammt,. hat es sehr treffend gesagt: „Man kann nicht auf Probe leben und nicht auf Probe lieben“. Ein befristetes Versprechen würde das Leben zur Hölle machen!

 Das Versprechen, das sich die Eheleute geben, und mit dem sie ihre Gemeinschaft begründen, muss im Alltag gelebt werden – und das ist mitunter nicht leicht. Zumal die Zeiten immer länger werden, wo die beiden Partner aufeinander verwiesen sind: es dauert immer länger bis das erste Kind kommt und da die Menschen älter werden, gibt es auch viel mehr Jahre, in denen man miteinander lebt, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Viele Eheleute sagen mir: jetzt, wo unser Sinnen und Trachten nicht mehr allein auf die Kinder ausgerichtet ist, spüren wir wieder, dass wir miteinander verheiratet sind.

In Deutschland wurden im Jahre 2005 rund 400.000 Ehen geschlossen und 200.000 Ehen geschieden. Die meisten schon im 5.Ehejahr. Die Unauflöslichkeit der Ehe ist schon seit langem kein gesellschaftlicher Konsens mehr. Trotzdem: wir dürfen eine Ehescheidung nicht als „Normales“ akzeptieren. Das tun selbst die betroffenen Eheleute nicht. Viele leiden an dieser Wunde ein Leben lang. 

Das Kirchenrecht sieht vor, dass geprüft werden kann, ob eine bestimmte Verbindung tatsächlich im Sinne Jesu eine Ehe war. Ob da nicht zwei Menschen ohne die rechte Freiheit in etwas hineingeschliddert sind; ob nicht einer der beiden von vorne herein Vorbehalte hatte, die mit der christlichen Ehe unvereinbar sind. In diesen Fällen hilft die Gemeinschaft der Kirche den beiden, indem sie feststellt, dass das, was da Ehe genannt wurde, nie eine war. Es wird also nicht geschieden, weil nichts da war, was geschieden werden könnte.

Das Kirchenrecht spricht gegenüber Christen, die nach einem ersten Scheitern in einer neuen Ehe wieder verheiratet leben, eine klare und harte Sprache. Vielleicht bringt die Zeit da noch Veränderungen. Ich würde es mir wünschen.

Die Ehe ist keine Privatsache. Eine kirchliche Eheschließung ist ein öffentlicher Akt im Blickpunkt der Gemeinde. Wir sollten deshalb als Kirche und als Einzelne die Eheleute nicht allein lassen – weder in guten noch in bösen Tagen.

Vielleicht wäre manchmal ein liebevoller Blick wie der des Goldschmieds angeraten, der die Eheleute ermuntert: Gewicht habt Ihr nur zusammen.