Wilfried Schumacher
Gewicht haben sie nur zusammen -
Betrachtung zu Mk 10, 2ff – Predigt am 27.Sonntag im Lesejahr B
Mehr und mehr wandelte sich das Leben
in ein belastendes Zusammensein zweier Menschen. Übrig blieb nur die Summe der
Pflichten, abgesprochen von Fall zu Fall. Zunehmend ging dabei der reine, beflügelnde
Geschmack verloren. - Eine sehr realistische Beschreibung
einer Ehrekrise, die uns in dem polnischen Theaterstück „Der Laden des Goldschmieds“
überliefert wird.
Der Goldschmied betrachtete die Arbeit, wog den Ring lange
in Händen und blickte der Frau in die Augen. Dann las er kurz das Datum der
Trauung innen im Ring. Wieder schaute er der Frau in die Augen, legte das Stück
auf die Waage und meinte: „Dieser Ring
ist ohne Gewicht, die Waage zeigt Null, und ich kann ihr kein einziges Milligramm
entlocken. Ihr Mann lebt offenbar – denn für den Fall ist jeder Ring
für sich ohne Gewicht – Gewicht haben sie nur zusammen.
Das verhärtete Herz –das griechische Wort "sklerokardía" könnte aus
der inneren Medizin stammen: Sklerose des Herzens. Durch lange Gewohnheit verhärtetes
Herz. Wer fragt, was "das Gesetz erlaubt" leidet an der Sklerose des
Herzens, denn er hat das Gespür dafür verloren hat, was die Welt von ihrem Ursprung
in Gott her ist. Er gleicht eher jemandem, der nach den Schlupflöchern Ausschau
hält, die das Gesetz ihm bietet.
Wo die Pharisäer
aber nach den Rechten des Mannes
fragen, antwortet Jesus im griechischen Original eindeutig mit der Schöpfungsordnung
des Menschen!
Hier in den
ersten Versen der Bibel ist die Ehe grundgelegt als die Lebensform des
Menschen – in der griechischen Tradition findet Platon eine andere Begründung,
der Mensch sei ursprünglich kugelgestaltig, das heißt ganz in sich selbst und
sich selbst genügend gewesen, aber von Zeus zur Strafe für seinen Hochmut halbiert
worden, so dass er sich nun immerfort nach der anderen Hälfte seiner selbst
sehnt, nach ihr unterwegs ist, um wieder zur Ganzheit zu finden.
Die biblische
wie die griechische Tradition zeigen: die Ehe zwischen Mann und Frau ist wohl
das älteste Kulturgut des Menschen und es muss schon erstaunen, wenn man heute
von eheähnlichen Gemeinschaften spricht und gar die Partnerschaft zwischen Männern
das Attribut „Ehe“ erhält. Die deutsche Gesetzessprache spricht inzwischen von
„Bedarfsgemeinschaften“ und es fällt schon auf, wie auch in europäischen Gesetzestexten
das Wort „Ehe“ fehlt und zunehmend durch „Familie“ ersetzt wird. Ehe scheint
nicht mehr zu interessieren und verliert an Wert.
Ich nehme
dich an als meinen Mann/ meine Frau
in Gesundheit und Krankheit
1.) Ich nehme dich an als meinen Mann/meine Frau
d.h. du bist der/du bist die, zu der ich mich hingezogen fühle, um endlich ganz
zu sein. In dir finde ich mein Glück.
2.) Ich verspreche dir die Treue
d.h. es geht nicht nur um mein Glück, sondern ich will immer mehr dein Glück,
das beginnt damit, dass unsere Liebe ungeteilt ist.
Die Treue ist der feste Boden, auf dem der andere stehen kann. Sie ist der Rückzugsort
in allen Kämpfen des Lebens. Deshalb ist die Untreue eine der schlimmsten Sünden,
die es gibt, weil sie dem anderen wissentlich oder unwissentlich den Boden unter
den Füßen wegzieht.
3.) in guten und in bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit, bis der Tod uns
scheidet
d.h. ich will für dich sorgen, ich will für dich da sein, was immer auch kommen
mag.
Ein solches Versprechen können sich nur zwei liebende Menschen geben. Es bietet
dem anderen auch ein ökonomisches Sicherungssystem. An dieser Stelle zeigt sich,
wozu der Staat in der Lage ist – das kann/das muss er auch seinen Bürgern nicht
versprechen. Aber er kann nur existieren, weil Menschen sich dieses Versprechen
geben.
4.) Ich will dich lieben, achten und ehren – solange ich lebe.
Weil diese Liebe in der Schöpfungsordnung gründet, ja weil der Schöpfer selbst
diese Liebe in uns hineingelegt hat, trägt sie göttliche Züge und ist angelegt
auf Unendlichkeit. Ehe ist nicht eine Lebensabschnittspartnerschaft, nicht eine
Nutzerwägung, sondern Hingabe. Papst Johannes Paul II, von dem übrigens auch
die Geschichte „Der Laden des Goldschmieds“ am Anfang stammt,. hat es sehr treffend
gesagt: „Man kann nicht auf Probe leben und nicht auf
Probe lieben“. Ein befristetes Versprechen würde das Leben zur Hölle machen!
In Deutschland
wurden im Jahre 2005 rund 400.000 Ehen geschlossen und 200.000 Ehen geschieden.
Die meisten schon im 5.Ehejahr.
Das Kirchenrecht
sieht vor, dass geprüft werden kann, ob eine bestimmte Verbindung tatsächlich
im Sinne Jesu eine Ehe war. Ob da nicht zwei Menschen ohne die rechte Freiheit
in etwas hineingeschliddert sind; ob nicht einer der beiden von vorne herein
Vorbehalte hatte, die mit der christlichen Ehe unvereinbar sind. In diesen Fällen
hilft die Gemeinschaft der Kirche den beiden, indem sie feststellt, dass das,
was da Ehe genannt wurde, nie eine war. Es wird also nicht geschieden, weil
nichts da war, was geschieden werden könnte.
Das Kirchenrecht
spricht gegenüber Christen, die nach einem ersten Scheitern in einer neuen Ehe
wieder verheiratet leben, eine klare und harte Sprache. Vielleicht bringt die
Zeit da noch Veränderungen. Ich würde es mir wünschen.
Die Ehe ist
keine Privatsache. Eine kirchliche Eheschließung ist ein öffentlicher Akt im
Blickpunkt der Gemeinde. Wir sollten deshalb als Kirche und als Einzelne die
Eheleute nicht allein lassen – weder in guten noch in bösen Tagen.
Vielleicht
wäre manchmal ein liebevoller Blick wie der des Goldschmieds angeraten, der
die Eheleute ermuntert: Gewicht habt
Ihr nur zusammen.