Wilfried Schumacher

Predigt Bußgang Beuel 31.3.2001

Simon von Cyrene
Zeuge - nicht Zuschauer sein

Es gab viele Zuschauer am Kreuzweg Jesu. Viele, die sehen wollten, was aus diesem Rabbi aus Nazareth wohl werde. Viele, die wissen wollten, wie er denn wohl diese Situation meistere, nachdem er doch schon so etliche kritische bestanden hatte. Einem von den Vielen, die zufällig des Weges kamen, der vielleicht gar nicht zuschauen wollten, der sich plötzlich wiederfand in der Masse, in der Menge, einem von diesem geschieht, was den Menschen immer in den Begegnungen mit Jesus passierte: er wird aus der Masse herausgenommen, er ist nun nicht mehr einer unter vielen, anonym und ohne jedes Gesicht. Er ist einer, den wir kennen, mit Namen sogar: Simon von Cyrene. Seine Begegnung mit Jesus ist Gegenstand unserer heutigen Betrachtung. Dabei geht es nicht in erster Linie um die Erinnerung an eine Episode vor 2000 Jahren. Es geht um den Kreuzweg Jesu, aber vor allem auch um die Kreuzwege so vieler Menschen, die sich durch diese Welt ziehen, die sich durch unsere Welt ziehen. Es ist ein beliebtes Bild, das Leben eines Menschen als Weg zu verstehen und wenn wir ehrlich sind, müssen wir bekennen, daß jeder dieser Wege immer auch ein Kreuzweg ist.

1. Jeder trägt sein Kreuz

Das soll kein billiger Spruch sein, kein leeres Wort, gar eine Leerformel. Es gibt im Leben eines jeden Menschen Sorgen und Leid, Nöte und Probleme, Ängste und Schwächen, Schatten und Schuld, Ereignisse, Begegnungen, Taten, die bedrücken, die schwer auf uns lasten. Kreuze, die wir zu tragen haben. Wenn ich hineinschaue in mein Leben, dann stelle ich fest: je einsamer ich bin, um so mehr drückt mich eine Last. Sie kennen das gewiß auch: Sie stellen fest, ich bin allein auf meinem Weg. Es gibt zwar viele, die mich sehen, die aber nur zuschauen wollen,. vielleicht hin und wieder einen guten Ratschlag geben. Aber ich kann dann nichts anfangen mit guten Ratschlägen, schönen Worten, Durchhalteparolen. Wenn mein Kreuz mich drückt, dann brauche ich jemanden, der es mit mir trägt. Der sich einläßt auf meinen Weg, der mir die Last abnimmt. "Geteiltes Leid ist halbes Leid", sagt der Volksmund. Es fällt schwer, sich das einzugestehen. In unserer Gesellschaft herrscht ein Klima, das eine solche Haltung kaum zuläßt. Unsere Gesellschaft kann sie nicht gebrauchen die Hilfsbedürftigen, sie gebiert tagtäglich neu jene seltsamen Helden, die meinen Alles und Jedes schaffen zu müssen, wie Moses, der von morgens bis abends zu Gericht saß und der sich sagen lassen mußte: Du reibst Dich auf, die Sache ist zu schwer für Dich. Du kannst sie nicht allein bewältigen". ·

Ich denke dabei an den Manager, der es nicht wagt, seine Sekretärin um eine Kopfschmerztablette zu bitten, nur um nicht gleichsam öffentlich eingestehen zu müssen, daß er nicht topfit ist. ·
Ich denke an die Mutter und an die Väter, die nicht klarkommen mit der Erziehung ihrer Kinder und die sich schämen professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. ·
Ich denke an den jungen Menschen, der Angst hat vor den vielen Erwartungen, die man an ihn richtet, der aber nicht vermag auszusteigen, weil die Gesellschaft doch anscheinend diese "Strahlemänner" und "Strahlefrauen" braucht, die uns die Werbung vermittelt. ·
Ich denke an den Menschen, der einen anderen Menschen verloren hat, der nun trauert und sich zurückzieht, sich verkriecht und niemanden mehr sehen will.

"Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott". Ein billiger Spruch, eine falsche Formel, ein schlechter Ratschlag. Im Buch Exodus läßt Gott dem überforderten Moses ausrichten: "Suche Dir aus dem ganzen Volk tüchtige, gottesfürchtige und vertrauenswürdige Männer, die Dir helfen. Entlaste Dich auf diese Weise, laß sie mit Dir die Last tragen." Das Beispiel des Herrn spricht die selbe Sprache. Er braucht einen Simon, einen der mit ihm geht, der mit ihm trägt, damit er sein Ziel erreicht. Ich will gerne bekennen, daß auch ich einen Simon brauche, einen Bruder, eine Schwester, die mit mir geht, die mit mir trägt. Dein Beispiel, Herr, bewahrt mich vor der Überheblichkeit alles allein machen zu wollen, auch meinen Kreuzweg.

2. Das EINE Kreuz tragen - ganz

Aber nicht nur ich gehe meinen Kreuzweg, nicht nur ich bedarf eines Simon. Wenn ich um mich schaue, sehe ich die vielen auf ihrem Kreuzweg. Sehe ich die vielen, die einen Simon brauchen, sehe ich die vielen, die mich vielleicht brauchen. Simon, ich kann Dich gut verstehen. Müde und ausgebrannt kommst Du von der Feldarbeit heim. Was kümmert dich das Schicksal dieses Mannes auf dem Kreuzweg. Freiwillig bist Du nicht hinzugetreten, freiwillig hast du nicht angepackt. Die Soldaten haben Dich gezwungen. Plötzlich, Simon, findest Du Dich wieder mit Jesus auf dem Weg. Das ist Mit-leiden, das ist Solidarität. Mir fällt auf, die Passion kennt drei solcher Beispiele, Beispiele der Solidarität, Beispiele des Mitleidens. · Die Mutter, die den Schmerz mit dem Sohn teilt. · Die Frau mit dem Schweißtuch und · Du, Simon von Cyrene. Sie haben einen Namen und ein Gesicht, von Ihnen wird heute noch erzählt. Die andern aber, die die in der Masse stehen, die Gaffenden und die Klagenden, sie bleiben Masse, nicht zu identifizieren. Ja, ich sehe die Kreuzwege, die meinen Lebensweg kreuzen. Es gibt Situationen, in denen werden wir genötigt uns darauf einzulassen. Einzusteigen, einzutreten in die Fußstapfen derer, die ihr Kreuz tragen, mitzutragen nicht wortreich und gestenreich, sondern still Hand anzulegen. Wir können nicht alle Kreuze dieser Welt tragen. Simon von Cyrene war kein berufsmäßiger Kreuzträger, er hat das eine getragen, aber das ganz. Die Zeit des Gottesdienstes würde nicht ausreichen, alle die Kreuze aufzulisten, die die Menschen zu tragen haben. Ich müßte sprechen von der Einsamkeit, der Krankheit, dem Alter. Ich müßte sprechen von den jungen Menschen, die sich nicht geliebt fühlen. Ich müßte sprechen von den Menschen, die sich nicht verstanden fühlen. Von denen, deren Leben gescheitert ist. Von denen, deren Liebe mißlungen ist. Von denen, deren Lebensentwurf zerbrochen ist. Es gibt so viele Kreuze auf dieser Welt und keines gleicht dem anderen. Ich kann wahrhaftig nicht alle tragen, immer nur eines, aber das ganz. Herr, das Beispiel des Simon von Cyrene lehrt mich, daß der andere, die andere, nur so das Ziel erreicht, die Erlösung, das Heil, wenn ich das Kreuz mittrage.

3. Zeugen - nicht Zuschauer

Je mehr wir uns mit dieser in wenigen Zeilen im Neuen Testament wiedergebenen Episode auf den Kreuzweg des Herrn beschäftigen, je mehr wird uns bewußt, die Welt braucht Zeugen, nicht Zuschauer. Zeugen nicht im Sinne eines gesprochenen Bekenntnisses, Zeugen im Sinne eines gelebten Zeugnisses. Wir haben gesprochen von dem Kreuzweg der einzelnen, der hart sein kann, beschwerlich und mühsam und der sich oft so unbemerkt unter unseren Augen, nicht selten in der gleichen Familie, nicht selten im gleichen Haus vollzieht. Aber ich denke mir, wir müssen an einem solchen Abend auch reden über den Kreuzweg ganzer Völker. Über den Kreuzweg, zu dem wir die Kreuze zimmern. Wir leben auf Kosten anderer. Am Vorabend des Misereor-Sonntags schauen wir auch auf den Kreuzweg der unterdrückten Völker. Auch hier gilt: Schaut' nicht vorbei, wendet Euch nicht ab, nehmt nicht einen anderen Weg. laßt Euch zwingen, auch auf diesen Kreuzweg.
* Gehen Sie einmal mit einem Kind, einem Jugendlichen in Brasilien auf den Strassen-Strich und erleben Sie, wie er und sie sich prostituieren muß, um überleben zu können.
* Gehen Sie einmal mit einem Landarbeiter im Nordosten Brasilien, der von seinem Land vertrieben wird, weil ein japanischer Großkonzern nicht nur die Bodenschätze des Landes ausbeutet, sondern auch noch den Ärmsten der Armen das Wenige nimmt, was sie zum Leben haben und dies alles unter dem Deckmantel von Recht und Gesetz.
* Gehen sie z.B. einmal mit dem Blumenzüchter aus Mittelamerika, der hart schuftet und der nur ein paar Pfennige auf die Hand bekommt für die Blumen, die wir hier zu jeder Jahreszeit möglichst billig kaufen wollen können.

Ich gebe gerne zu, freiwillig bin auch ich nicht bereit mich auf diesen Weg einzulassen. Von Simon von Cyrene wird berichtet, daß er sich zwingen lassen mußte mitzugehen. Die Welt braucht Zeugen, nicht Zuschauer.

Liebe Schwestern und Brüder, der Evangelist Markus nennt in seinem Evangelium nicht nur den Namen Simon von Cyrene, er weiß noch mehr, er weiß, daß dieser Mann der Vater des Alexander und Rufus war. Zweier Männer, die wohl in der Gemeinde des Markus bekannt waren, sonst hätte er kaum ihren Namen erwähnt. Das Stück Kreuzweg, das Jesus und Simon von Cyrene miteinander gegangen sind, scheint nicht ohne Konsequenzen geblieben zu sein. Amen