Msgr. Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant
Predigt
an Allerseelen 2008
Ich
glaube die Gemeinschaft der Heiligen
Die Geschichte der Stadt Rom beginnt mit
einem Friedhof; besser mit einem aufgelassenen Friedhof. Denn die Tatsache,
dass Mitte des 8.vorchristliches Jahrhunderts die Bestattungen auf einem
Gräberfeld mitten auf dem heutigen Forum Romanum eingestellt wurden, lässt
vermuten, dass zu diesem Zeitpunkt dieses Gelände sich nicht mehr außerhalb der
Besiedlung befand, sondern mittendrin.
Im antiken Rom wurden die Toten
außerhalb der Stadtmauern bestattet, die Reichen in aufwändigen Grabkammern,
die Armen und Sklaven in einfachen Gräbern. Wenn man der Toten gedenken wollte,
dann traf man sich über den Gräbern zu einem Mahl, einem Picknick, bei dem ein
Stuhl freiblieb für den Verstorbenen. Hilfreich war es dann schon, wenn ein
gemauerter Tisch und vielleicht auch noch eine Bank das Vorhaben erleichterte
wie bei der „cella memoriae“, die man hier unter dem Münster 1928 auf einem
römischen Gräberfeld ausgegraben hat.
Das Christentum sorgte für eine Änderung
in der Bestattungskultur. „Ich glaube die Gemeinschaft der Heiligen“ beten wir im
Credo und damit ist zuerst einmal die „Gemeinschaft der Heiligen Gaben“
gemeint. Die Feier der Eucharistie, das hl. Mahl, das der Kirche von Gott geschenkt
ist, macht uns zu einer Gemeinschaft der Heiligen über die sichtbare
Gemeinschaft hinaus. Eine Gemeinschaft, die die Todesgrenze übersteigt, Menschen-Welt
und Gottes-Welt umfasst.
Deshalb werden die Toten nun wieder in
die Gemeinschaft hinein geholt: sie werden um die Kirchen herum bestattet.
So wird die Gemeinschaft der Lebenden und der Toten sichtbar, erlebbar. Wenn
man zum Gottesdienst geht und wenn man aus der Messe kommt, geht man über die
Gräber der Toten.
Vielleicht ist Ihnen schon einmal in Süddeutschland oder Österreich
aufgefallen, wie klein die eigentlichen Gräber sind. Keine Sorge, dort wird man
nicht hochkant bestattet, die Särge sind auch unter den Wegen beigesetzt. Indem
man über die Gräber läuft, nimmt man noch einmal Kontakt mit den Toten auf.
So
war es auch, wenn etwa in unserem Kreuzgang oder auch in unserem Münster die
Pröpste und Stiftsherren beigesetzt wurden. Achten Sie doch einmal darauf,
über wie viele Gräber sie gehen, wenn sie durch den Kreuzgang schreiten. Wenn
sich die Stiftsherren dort zur Prozession vor dem Gottesdienst versammelten,
standen sie auf den Gräbern, auf den Schultern ihrer Vorgänger. Sie nahmen
sie gleichsam mit, wenn sie zur Messe gingen. „Ich glaube die Gemeinschaft
der Heiligen“.
Auch die Priestergruft in unserem neugestalteten
Kreuzgang liegt jetzt wieder auf dem Weg. Nicht so dass man darüber gehen
sollte, aber so, dass deutlich wird, unsere Wege setzen nur euren Weg fort.
Die Grabplatten in den Kirchen und Kreuzgängen
lassen uns vorsichtig gehen, wer läuft gerät schnell ins Stolpern. Langsam
gehend wird uns eine andere mittelalterliche Überzeugung bewusst: „Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“.
Der Tod war den Menschen gegenwärtig – gewiss anders als heute, wo kein Tag vergeht,
an dem die Medien nicht irgendwo den Tod von Menschen vermelden.
In manchen Kreuzgängen findet sich deshalb das Wort: „Was Ihr seid, sind wir gewesen, und was wir sind, werdet Ihr sein!“
So verstanden ist der Tod nicht mehr die Zäsur, nicht mehr der katastrophale
Zusammenbruch aller Lebenschancen, sondern er markiert den Übergang in eine
andere Wirklichkeit.
Als im 14. Jahrhundert die Angst vor der
Pest immer größer wurde, entstanden auf einen kaiserlichen Erlass hin auch außerhalb
von Städten und Dörfern Friedhöfe. Auch das Gedankengut der Reformation sorgte
ab dem 17. Jahrhundert dafür, dass die Begräbnisse innerhalb der Stadtmauern
nach und nach abgeschafft wurden. Doch erst im 19. Jahrhundert war es allgemein
üblich geworden, Friedhöfe grundsätzlich außerhalb der Stadtmauern
anzusiedeln. Auch die großen Bonner Friedhöfe entstanden in dieser Zeit.
Mit
der Industriealisierung wuchsen die Städte und man musste der Toten Herr werden.
Unter
Napoleon entstanden riesige Friedhöfe außerhalb der Städte. Die neue
Reihengrabbestattung sollte dem Gleichheitsgedanken der franz.Revolution Rechnung
tragen. Aus den unsystematisch wirkenden Friedhöfen waren Parkanlagen geworden,
die nicht nur der Trauer und Erinnerung dienten, sondern auch zum Flanieren
einluden. Die Friedhöfe wurden Teile einer städtischen Kultur.
Es geht nicht mehr um die Gemeinschaft der Heiligen, sondern um die Bewältigung
einer gegebenen Tatsache, dass in einer Großstadt viele Menschen sterben. Die Gegenwart
bietet noch ganze Möglichkeiten: die anonymen Bestattungen nehmen zu, man lässt
sich in sogenannten Friedwäldern in den Wurzeln eines Baumes bestatten. In den
USA gibt es die Möglichkeit, sich aus der Asche eines Hinterbliebenen einen
Diamanten pressen zu lassen. Da ist kaum noch etwas spüren von einer vom christlichen
Geist geprägten Bestattungs- und Trauerkultur.
„Ich
glaube die Gemeinschaft der Heiligen“ – wer stirbt, wird dem Gedächtnis der
Kirche anvertraut. In jeder Messe beten wir. „Gedenke aller unserer Brüder und Schwestern, die entschlafen sind in
der Hoffnung, dass sie auferstehen“. Niemand fällt aus dieser Gemeinschaft
heraus, selbst dann, wenn keiner mehr unseren Namen weiß.
Und
doch: unsere Geschichte, auch die Geschichte der Christen an diesem Ort lebt
davon, dass einige Namen besonders im Gedächtnis bleiben, stellvertretend für
alle, die hier gelebt und gewirkt haben: wer wüsste zum Beispiel noch etwas von
einem Kanoniker Reiner Rham, wenn es nicht das Epitaph, das Gedächtnismal links
über dem Beichtstuhl geben würde. Wer wüsste noch etwas von der Pächterfamilie
von der Leyen, wenn ihr Name nicht unter dem Krippenaltar verzeichnet wäre. Wer
wüsste noch etwas von dem Dekan de Burmann, dem Wiederhersteller der Münsterkirche
nach der Zerstörung 1689, wenn nicht sein Epitaph im Kreuzgang hängen würde.
Die
Zahl derer, deren Gedächtnis es zu bewahren gilt ist lang. Wenn wir dem Kreuzgang
im nächsten Jahr auch einem neuen Anstrich geben werden, wollen wir auch die
teilweise schon unlesbaren Platten mit einer Lesehilfe versehen.
Auch
die Platten mit den Namen der Priester, die in der Priestergruft beigesetzt worden
sind, haben wir jetzt an der Wand des Kreuzgangs angebracht. Direkt in der
Achse ihrer Gräber neben der Darstellung des Auferstandenen Christus. Damit stellen
wir sie hinein in die große Tradition all‘ derer, die seit 691 hier bei den
Gräbern der Märtyrer wirkten und in ihrer Nähe begraben wurden.
Und:
so wird auch deutlich, unser Kreuzgang ist kein Museum von Grabplatten, sondern
ein fortwährendes Gedenken in dem glaubenden Bewusstsein „Ich glaube
die Gemeinschaft der Heiligen“.