Wilfried Schumacher
Pfarrer und Stadtdechant
Predigt an Allerheiligen
2008
In jener Zeit,
als Jesus die vielen Menschen sah,
die ihm folgten,
stieg er auf
einen Berg.
Er setzte sich,
und seine Jünger
traten zu ihm.
Dann begann er
zu reden und lehrte sie.
Vor
fast genau 2 Wochen stand ich auf dem Berg oberhalb des See Genesareth, an dem unser
heutiges Evangelium lokalisiert wird. Und ich sah auf den See und die vielen
Dörfer ringsum, auf Tiberias, Magdala, auf Kafarnahum und Betsaida, auf Gerasa
und Korazim. Es klang mir im Ohr, was Matthäus zwei Verse
vor unserem Text beschreibt: Jesus zog in ganz Galiläa umher, lehrte in den Synagogen,
verkündete das Evangelium vom Reich und heilte im Volk alle Krankheiten und
Leiden.
Ich
konnte mir so richtig vorstellen, wie die Menschen herbeiströmten: Menschen,
die nicht anders sind als wir heute: Sie suchen, aber sie finden nichts. Sie
hoffen, aber es fehlt ihnen der, die Hoffnung erfüllt. Sie sind verwundet, aber
sie wissen nicht, wer sie heilen kann. Sie sind oft rast- und ratlos
Umhergetriebene. Vielleicht auch nur Neugierige, die Zeugen des nächsten
Wunders werden wollen.
Es
gibt viel zu tun, viel zu viel für einen alleine. Deshalb unterweist der Herr
zuerst einmal seine Jünger, die er später aussenden will, damit sie mit ihm das
Himmelreich verkünden.
Und diese
Unterweisung beginnt mit Zusagen. Jesus stellt keine Bedingungen, sondern er schenkt
Perspektiven.
Die erste Zusage
gibt den Ton an: denn ihnen gehört das
Himmelreich. – das Himmelreich!
Das
ist eine "Umwertung aller Werte". Gerade in den letzten Wochen ist
uns bewußt geworden, wie schillernd die Seligpreisungen der Welt sind: selig,
der reich ist; selig der, der aus allem noch das Letzte hervorholt; selig die
Fülle der Güter; selig die Freude und der Genuß; selig ein Dasein in Macht,
Glanz und Größe; selig der Ruhm.
So
ist unsere Welt! Ich befürchte, sie wird dann, wenn die Scherben der
gegenwärtigen Krise zusammengefegt sind, wieder zu diesen Überzeugungen
zurückkehren.
Die
Bergpredigt steht im Kontrast dagegen: sie erschüttert unser System, sie
erschüttert die "Welt" vom "Himmel" her. twas Himmlisch-Mächtiges drängt in den Seligpreisungen durch“
(R.Guardini). Es geht letzlich um die Befreiung der Schöpfung von Sklaverei und
Verlorenheit, wie Paulus es im Römerbrief schreibt. (Röm 8,21)
Es
geht darum, dass wir immer so weitermachen, dass kein Krieg und keine Krise uns
eine Lehre sind – wir sind Sklaven einer Welt, in der der Arme arm bleibt, die
Gewalttätigen und Rücksichtlosen sich durchsetzen, der Friede kaum eine Chance
hat.
Hier will die Bergpredigt befreien zur
Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes. (Röm 8,21) – nicht indem ich
zuerst wieder handle, etwas tue, sondern indem ich diesen Durchbruch des
Himmelreiches in mir zulasse, der alles, was in der Welt groß ist, klein
erscheinen lässt vor dem, was vom Himmel kommt.
Wir
feiern heute Allerheiligen – vielleicht ist dies eine Definition der
Heiligkeit: Heilige sind Menschen, die diesen Durchbruch des
Himmlisch-Mächtigen in ihr irdisches Dasein zugelassen haben. Heilige sind
Menschen, die dem schaurig-schönen Lied der Welt ihre eigene Melodie
entgegengesetzt haben: das Himmelreich.
Viele
Menschen finden in den Seligpreisungen neuen Halt. Besonders jene, die die
bitteren Erfahrungen des Gegenteils machen, die enttäuscht sind von dieser
Welt, verwundet von ihren Machenschaften. Sie hören die Worte, finden darin
Trost, aber sie schauen auch aus nach den Heiligen der Gegenwart, nach uns, die
wir uns eingelassen haben auf die „Umwertung aller Werte“.
Am
Nachmittag des Allerheiligen-Tages und erst recht an Allerseelen suchen wir die
Gräber unserer Lieben auf den Friedhöfen auf. Da werden viele sein, die diesen
Durchbruch des Himmlischen in ihr Leben zugelassen haben, mehr noch: durch die
ein wenig von dem himmlischen Licht auch auf uns gefallen ist. Tun wir es mit
großer Dankbarkeit. Amen