Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant

Predigt Silvester 1998

Ein eigenartiger Tag, der Silvester. Er lädt ein, Bilanz zu ziehen - jeder/jede für sich, denn jedes gelebte Jahr ist ein anderes Jahr, obwohl es die gleiche Jahreszahl trägt.

Wir nehmen in diesen Stunden Abschied von einem Jahr - es ist ein unwiderrufliches Jahr, ein unwiderbringliches Jahr; es ist mein Jahr 1998 und doch auch unser Jahr; denn jedes persönliche Jahr ist immer auch das Jahr des anderen, der anderen, mit denen ich gelebt habe.

Wenn wir zurückblicken, kann uns das Wort der Schrift, das wir in der Lesung gehört haben, eine Hilfe sein: "Alles hat seine Zeit " (Kohelet 3,1).

Es ist ein tröstliches und ermutigendes Wort: es spricht nicht nur von der Zeit des Aufbauens, der Freude, der Liebe, der Nähe, der Sammlung, des Schweigens - also von dem, was wir gemeinhin als "positiv" bezeichnen,

es redet auch von der Zeit des Niederreißens, der Tränen, der Distanz, der Zerstreuung, des Redens - und zwar nicht als eine Gegebenheit, die ich hinnehmen muß, sondern als "Zeit unter dem Himmel".

Das kann mich am Ende dieses Jahres gelassen machen: gerne schaue ich auf dieses Jahr zurück,

ich muß weder den schönen Stunden nachlaufen oder gar nachtrauern,

noch den schlechten Zeiten entfliehen, oder versuchen, sie aus meinem Gedächtnis zu streichen.

Ich kann die Zeit annehmem, wie sie mir gegeben ist und darauf vertrauen, daß es eine "Zeit unter dem Himmel" ist.

"Mein Gott bist du - in deiner Hand sind meine Zeiten" - so betete der Mensch im alten Israel (Ps 31,6) und die lateinische Bibel übersetzt hier "in deiner Hand ruht meine Zeit". So können wir ohne Aufgeregtheiten, diese alten Jahr in die Hände Gottes zurückgeben. Er wird es richten, aber vor allem heilen.

In der kommenden Nacht ist es für die meisten Zeitgenossen wichtiger, in die Zukunft zu schauen. Was gäbe man nicht alles darum, zu wissen, was auf einen zukommt.

Man gießt Blei aus, würfelt, befragt die Sterne - und dies alles, um nur ein wenig Sicherheit in all der Unsicherheit zu bekommen.

Der Jahreswechsel ist wie ein großes Tor, das wir durchschreiten - ohne zu wissen, was sich dahinter für uns verbirgt. Auch hier gilt das Wort des Psalmisten "In deiner Hand sind meine Zeiten".

Es entläßt uns nicht aus der Verantwortung, vielmehr zeigt es uns, unsere Verpflichtung auf: Unsere Zeit muß auch vor den Augen Gottes bestehen können.

So wie jeder/jede von uns schon Eckdaten für das kommende Jahr hat, so auch unsere Gesellschaft:

Ich nenne zwei:

Euro
In dieser Nacht bekommt Europa eine neue Währung, Zwar noch nicht als Geldscheine für den allgemeinen Gebrauch, aber wir werden uns daran gewöhnen, daß nun überall der Euro die DM Schritt für Schritt ablöst.
Das hat gewiß viele Vorteile - nicht nur bei den wirtschaftlichen Prozessen, bei Fragen der Globalisierung, bei den Problemen der internationalen Finanzmärkte, auch der Reisende wird es bald schätzen, ohne Devisen quer durch Europa reisen zu können.

Wenn man die Berichte in den Medien der letzten Wochen und Monate verfolgt hat, könnte man meinen, die Grundlage Europas sei die gemeinsame Wirtschaft, die gemeinsame Währung.
Das Fundament Europas, die Quelle seiner Kultur aber ist der christliche Glaube. Wir Christen selbst haben dazu beigetragen, daß dies nicht mehr so deutlich wird. Wir sind auf Tauchstation gegangen, fürchten uns als dumm, als rückständig zu gelten, wenn wir uns offen zu unsere Überzeugung bekennen, ja wir haben Angst, der Glaube könne uns doch nicht genügend entschädigen für das, was wir versäumen wenn wir Christus folgen.

Schon Heinrich Böll sagte in den 60er Jahren, auch noch die schlechteste christliche Welt sei ihm lieber als jede nichtchristliche, weil es in der christliche Welt "Raum gibt für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache". Werner Heisenberg malte schon vor 30 Jahren als Menetekel an die Wand des europäischen Hauses: " Im westlichen Kulturkreis zum Beispiel könnte in nicht ferner Zukunft der Zeitpunkt kommen, zu dem Gleichnisse und Bilder der bisherigen Religion....keine Überzeugungskraft mehr besitzen; dann wird, so fürchte ich, auch die bisherige Ethik zusammenbrechen, und es werden Dinge geschehen von einer Schrecklichkeit, von der wir uns jetzt noch keine Vorstellung machen."
Schrecklicher als Konzentrationslager und Atombomben.

Es liegt mit an uns: Europa darf nicht zu einem Wirtschaftsgebilde verkommen, in dem die Kirchen nur noch Museen und Relikte einer vergangenen Zeit sind und christliche Werte nur noch eine Stimme im Chor der Meinungen darstellen.
Das zweite Datum 1999, das wir mit Sicherheit kennen, ist der bevorstehende Umzug der Regierung nach Berlin. Noch niemand weiß genau, was dies für unsere Stadt bedeutet. Gewiß, es gibt Szenarios, die dies alles genau planen und beschreiben.
Betroffen von dieser Tatsache sind in erster Linie Menschen. Man kann berechnen, wieviel Raumbedarf die Menschen haben, die sich auf den Weg machen müssen, wieviel Möbelwagen benötigt werden, um Akten und Möbel zu transportieren. Aber man kann nicht vorhersagen, wie die Seele des Menschen damit umgeht.
* Wir wissen nicht, wie der Mensch darauf reagieren wird, wenn er in einen neue Umgebung kommt, die er sich nicht freiwillig ausgesucht und die auch noch weitgehend unchristlich ist.
* Wir wissen nicht, was dies für die Menschen bedeutet, die hier bleiben und deren Partner, deren Väter oder Mütter im wöchentlichen Shuttle hin und her transportiert werden.
* Wir wissen nicht, wieviele Wunden gerissen werden dadurch daß Freunde, Schulkameraden voneinander getrennt werden.
* Wir wissen nicht, welche Auswirkungen dieser Umzug auf die Seele vieler Menschen haben wird.

Ich bin jedoch gewiß, wir werden in dieser Stadt diese neue Situation meistern, so wie wir es auch geschafft haben, als uns nach dem Krieg die Rolle der Hauptstadt zugedacht wurde. Es war nicht immer leicht für unsere Väter und Großväter, Mütter und Großmütter.
Hauptstadt zu sein war auch eine Last, eine Bürde, die wir - oft als "Bundesdorf" verlacht - auch gern getragen haben.

Damals hätte uns eine Ellbogen-Gesellschaft, hätte uns Rücksichtslosigkeit nicht weitergebracht. Unsere Eltern und Großeltern mußten zusammenrücken, um die Leute vom Bund, aber auch die viele Studierenden aufzunehmen.
Lassen wir uns von ihrem Beispiel anstecken. Diese Stadt braucht sehr viel Wärme in den nächsten Jahren: alle die, die vom Umzug betroffen sind, ob als Aufbrechende oder Bleibende, sind auf die Solidarität, auf das Mitfühlen der anderen und auf unbürokratische Lösungen angewiesen.
Als christliche Gemeinde müssen wir unseren Beitrag dazu leisten.
"In deiner Hand sind meine Zeiten" - dieses Wort läßt mich gelassen ins Neue Jahr gehen. Es gibt mir die Richtung an, von wo her ich dieses Jahr angehen will.

Wenn ich von Gott her meine Zeit lebe und gestalte, wird es ein gutes Neues Jahr werden, auch wenn manches auf den ersten Menschenblick nicht so aussehen mag.

In dem neuen Zeichentrick-Film "Der Prinz von Ägypten" versucht der midianitische Hohepriester Jethro dem Moses seine Situation zu erklären und sagt ihm: "Mit den Augen der Menschen siehst du nichts. Denn dein Leben kannst du nur vom Himmel her sehn!"

Ich wünsche Ihnen diesen Blickwinkel alle Stunden des Neues Jahres.