Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant
Predigt Weihnachten 1998 Bonner Münster
Sperrfrist: 24.12.1998 - 23 Uhr
Es lohnt sich zu leben, mach was draus!
Endlich ist es soweit - niemand konnte sich in diesen Wochen dem Fest entziehen - überall, vielleicht schon an zu vielen Orten, begegneten wir der Weihnachtsbotschaft, wenn auch oft mißbraucht als Vehikel für geschäftstüchtige Interessen. Seltsam - jedem Fest des Jahres kann man fliehen, nur Weihnachten muß ich mich stellen - und sei es indem ich zur Anti-Christmas Party mit Weihnachtsmänner und -frauenstriptease einlade, wie vor einigen Jahren in Düsseldorf geschehen.
Es geht ein Reiz von diesem Fest aus, dem sich kaum jemand entziehen kann. Selbst der "SPIEGEL" nimmt ein religiöses Thema auf die Titelseite und schreibt "Die Astronomen glauben an Gott". "Die Wissenschaft entdeckt Gott" hatte schon unlängst das amerikanische Nachrichtenmagazin "Newsweek" festgestellt.
Was treibt uns an, dieses Fest zu feiern? Was führt uns hierhin - gleich den vielen Millionen Christen, die es uns gleich tun und überall auf dieser Erde in unzähligen Gottesdiensten die alte Botschaft feiern.
Ist es die Sehnsucht, daß ein wenig von dem Licht dieses Festes unsere dunklen Lebensnächte hell macht?
Ist es die Hoffnung, daß unsere Einsamkeit nicht mehr so schmerzt, wenn wir gemeinsam mit anderen die alten Lieder singen?
Ist es die Erinnerung an jene, die vor uns und mit uns diesen Weg zur Krippe gegangen sind und die es in unserer Mitte nun nicht mehr gibt?
Ist es ein stellvertretender Dienst für jene, die den Weg zum Stall nicht mehr schaffen oder lieber in der Ferne stehenbleiben, für die skeptischen, scheuen "Randfiguren" des Weihnachtsgeschehens?
Wer zieht uns so an? Welche eigentümliche Unruhe und Ahnung begleitet diese heilige Nacht ?
Welcher verborgene Stern in unserem Herzen führt uns hierhin? Hat uns gar ein Engel Beine gemacht?
Jeder/jede von uns wird ganz persönliche Gründe haben -
uns allen gemeinsam ist jedoch die Sehnsucht, die alte Botschaft wieder neu gesagt zu bekommen, die Botschaft, die uns so soviel bedeutet - sie soll in unseren Herzen nicht in Vergessenheit geraten.
Leonardo Boff sagt: "Weihnachten behält eine unverletzliche Heiligkeit, die dem Leben selbst eigen ist."
Die alten Texte, die alten Deutungen kennen wir alle - sie begleiten uns, wie kaum andere, seit Kindertagen:
Euch ist in der Stadt Davids der Heiland geboren. (Lk 2,11)
Erschienen ist die Güte und die Menschenfreundlichkeit unseres Gottes (Titus 3,4)
Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe, die unter dem, Gesetz stehen (Gal 4,4-5a)
Ich möchte heute die alte Botschaft mit einer Deutung verkünden, die mir in den Tagen des Advents wichtig, ja lieb geworden sind:
Ich bekam ein Büchlein von Andrea Schwarz geschenkt, dessen Titel mich schmunzeln ließ "der Tag, an dem der Osterhase dem Nikolaus half". Darin fand ich eine Geschichte, die mich faszinierte:
Sie erzählt von einem kleinen Engel namens Max. Mit ihm hatte der Erzengel Michael so seine Sorge: denn Engel Max kam immer zu spät und er vergaß die entscheidenden Dinge, weil ihm anderes wichtiger war. Selbst beim Gloria der himmlischen Chöre auf den Feldern Bethlehems war er nicht pünktlich zur Stelle. Diesmal hatte er eine plausible Entschuldigung: eine alte, einsame Frau brauchte seine Hilfe.
Schließlich gelangt der kleine Engel zum Stall, in dem nur noch ein verdutzter Ochse steht, weil Maria, Josef und das Kind nach dem Besuch der Könige mit dem Esel fluchtartig aufgebrochen waren. Der Ochse hat von dem Geschehen nichts begriffen.
Engel Max klärt ihn auf: "Gott wollte als Mensch zur Welt kommen, um damit allen zu sagen: Es lohnt sich zu leben, mach was draus!"
Als ich das zum ersten Mal las, dachte ich, warum bist du nicht schon eher darauf gekommen, das ist doch genau auf den Punkt gebracht, was wir an Weihnachten feiern: Es lohnt sich zu leben, mach was draus!
Ein Blick in die große und auch in unsere kleine Welt zeigt uns viele Einzelheiten, die uns alle am Leben verzweifeln lassen können. Jeder/jede einzelne wird seine eigenen Beispiele haben.
Wieviel Anlässe zur Depression und zur Resignation gibt es! Da mag es gut tun, sich auf so einfache und liebevolle Weise sagen zu lassen, Gott hatte Lust am menschlichen Leben - allen Widrigkeiten zum Trotz!
Alles, was wir heute beklagen:
die Friedlosigkeit dieser Welt, den Haß und Streit,
die Treulosigkeit der Menschen,
die dubiosen Geschäfte dunkler Geschäftemacher,
den unzureichenden Schutz des menschlichen Lebens,
der leichtfertige Umgang mit der Schöpfung
die Liste ließe sich beliebig fortsetzen -
alles dies wird es im Leben dieses Kindes, das wir heute in der Krippe sehen, geben!
"Am Anfang der Stall, am Ende der Galgen", so hat es schon Ernst Bloch resümiert.
Trotzdem - Gott hatte Lust am menschlichen Leben!
Er ist dem menschlichen Leben nicht geflohen; seine Botschaft ist anders: Es lohnt sich zu leben!
Mach was draus - gewiß der kleine Engel war sich nicht sicher, ob der Erzengel Michael mit dieser Kurzfasung der göttlichen Botschaft einverstanden wäre, aber die biblischen Texte geben ihm recht.
Niemand kann an der Krippe knien bleiben, alle werden zurück in ihr Leben geschickt, auf neuen Wegen in ein neues, von diesem Kind verwandeltes Leben!
Mach was draus! - das Wort nimmt uns in die Pflicht.
Wie oft trauern wir den verpaßten Chancen nach?
Wie oft sehen wir, was uns nicht gelingt?
Wie oft legen wir die Meßlatte so hoch, daß wir sie kaum zu erreichen vermögen?
Wie oft setzen wir uns unter Zeit- und Leistungsdruck?
Wie oft messen wir uns an anderen und übersehen dabei unsere eigenen Möglichkeiten.
Wir haben die Fähigkeit, etwas aus unserem Leben zu machen -
der junge Mensch hat andere als der alte,
der gesunde andere als der kranke,
der Mensch in der Stadt andere als der auf dem Land,
der einfältige andere als der kluge!
Das Leben bietet viele Chancen - gleich in welcher Lebensphase und Lebenssituation wir sind.
Ignatius von Loyola hat das Motto des kleinen Engels Max auf seine Weise formuliert: "Wenige Menschen ahnen, was Gott aus ihnen machen würde, wenn sie sich der Führung der Gnade rückhaltlos übergäben."
Weihnachten gilt es, das Kind in der Krippe zu sehen und sein Vertrauen in das Leben wahrzunehmen.
Die Erlösung, die wir heute feiern, bedeutet für mich, nicht versklavt zu sein vom falschen Streben nach ewiger Jugend, Karriere, Gesundheit und Schönheit!
Erlösung heißt frei sein, die eigenen Chancen zu sehen und zu ergreifen.
Es lohnt sich zu leben, mach was draus! -
dort aber, wo Menschen jede Chance genommen wird -
sei es den Arbeitslosen und den Armen in diesem Land,
sei es den Opfern der Kriege überall auf der Welt,
sei es vielen Palästinensern im Heimatland des Herrn,
sei es den Opfern der Flutkatastrophe in Mittelamerika,
sei des den ungeborenen Kindern im Mutterleib, die abgetrieben werden sollen,
überall, wo Menschen die Lebenschancen genommen werden,
sind wir Christen aufgerufen, gegen die Chancenlosigkeit Position zu beziehen, für Änderung einzutreten, Chancen zu ermöglichen und so letzlich am Erlösungswerk Gottes mitzuarbeiten.
Wir dürfen keine Ruhe geben, bevor nicht allen Menschen, diese Botschaft zur Frohbotschaft wird: Es lohnt sich zu leben, mach was draus!
So wünsche ich Ihnen in dieser Nacht ein gesegnetes Weihnachtsfest mit der Botschaft dieses kleinen Engels namens Max, der nirgendwo in der Bibel auftaucht und doch so gut hineinpaßt.
Mögen Ihnen viele kleine Engel im nächsten Jahr begegnen, die Ihnen zurufen: Es lohnt sich zu leben -. mach was draus! Mögen Sie die Kraft haben, dies auch anderen zu sagen und zu ermöglichen!