Wilfried Schumacher
Predigt
am Fest der Erhebung der Gebeine der Stadtpatrone und am Kirchweihfest
6.Mai 2001
Freunde oder Tod
Liebe Schwestern und Brüder!
Sind wir in unserem Land ein auslaufendes Modell? Die Zahl der Menschen, die
Sonntag für Sonntag zum Gottesdienst kommen, nimmt stetig ab in den letzten
50 Jahren. Kirche wird immer mehr zum Dienstleister, dessen Arbeit ich nach
Belieben in Anspruch nehmen kann, weil ich mit meiner Kirchensteuer alles schon
bezahlt habe. Es gibt Bereiche des menschlichen Lebens, in denen wird die christliche
Botschaft nicht mehr ernst genommen. Lohnt sich da noch Engagement in dieser
Kirche, ehrenamtliches wie hauptamtliches. Kaum jemand in der jüngeren Generation
ist noch bereit als Priester, als Ordensmann oder Ordensfrau zu leben?
Auch die Diskussion um die neuen Seelsorgebereiche in unserem Bistum ist nicht
selten geprägt von Resignation als von Aufbruch. Bringen wir, was notwendig
hinter uns, aber passen wir auf, dass wir nicht dabei zu kurz kommen, heisst
vielfach die Devise.
Im Judentum wird eine Geschichte erzählt: Ein Weiser mit Namen Choni ging einmal
über Land und sah einen Mann, der einen Johannisbrotbaum pflanzte. Er blieb
bei ihm stehen und sah ihm zu und fragte: Wann wird das Bäumchen wohl Früchte
tragen?' Der Mann erwiderte: In siebzig Jahren.' Da sprach der Weise: Du Tor!
Denkst du, in siebzig Jahren noch zu leben und die Früchte deiner Arbeit zu
genießen? Pflanze lieber einen Baum, der früher Früchte trägt, daß du dich ihrer
erfreust in deinem Leben." Der Mann aber hatte sein Werk vollendet und sah freudig
darauf, und er antwortete: Rabbi, als ich zur Welt kam, da fand ich Johannisbrotbäume
und aß von ihnen, ohne daß ich sie gepflanzt hatte, denn das hatten meine Väter
getan. Habe ich nun genossen, wo ich nicht gearbeitet habe, so will ich einen
Baum pflanzen für meine Kinder oder Enkel, daß sie davon genießen. Wir Menschen
mögen nur bestehen, wenn einer dem anderen die Hand reicht. Siehe, ich bin ein
einfacher Mann, aber wir haben ein Sprichwort: Freunde oder Tod'.'
Eine treffliche Geschichte: Wir leben wie der einfache Mann, der auf die Welt
kommt und Fruchtbäume vorfindet. Noch haben wir ausreichend Priester, wenn auch
die Zahlen für 2010 katastrophal sind, aber das ist ja erst in 9 Jahren. Glauben
tun wir auch - vielleicht mehr recht als schlecht. Die vielen, die sich schwer
tun mit dem Glauben, sind eher lästig, weil sie uns in Frage stellen. Nur: wer
wird morgen noch glauben, wenn der Glaube so verdunstet und wir tatenlos zusehen?
Wenn der kluge Mann in unserer Geschichte keine Bäume gepflanzt hätte, die erst
viel später Frucht tragen, dann müßten irgendwann seine Enkel oder Urenkel hungern
. Wenn wir heute als Christen in unserem Glauben von der Hand in den Mund leben
wollen und die Mühe scheuen, nach neuen Wegen Ausschau zu halten, wie wir den
Glauben an Gott weiter auszustreuen und sorgsam pflegen, können, dann wird irgendwann
der Hunger da sein.
Wenn wir heute nicht Sorge tragen, dass es morgen auch noch Priester gibt, dann
nehmen wir unseren Kindern und Enkelkinder die geistliche Nahrung.
Unsere Martyrer Cassius und Florentius, die am Ende des 3. Jahrhunderts mit
ihrem Leben Zeugnis für Christus gegeben haben, legten damit einen Samen, der
erst später aufgegangen ist. Ihr Lebensbeispiel war den Menschen in unserer
Heimat soviel wert, dass sie schon bald über ihren Gräbern eine Gedächtnisstätte
erbauten und spätestens im Jahr 400 eine erste Kirche. Das mittelalterliche
Bonn mit seinen vielen Kirchen und Klöstern ist von hier aus gewachsen. Und
als die Regierung nach dem Krieg hier ihren Sitz nahm, war sie eingebettet in
christliche Umgebung. Eine späte, aber sehr nahrhafte Frucht des Zeugnisses
unserer Martyrer.
Als sich die Stiftsherren im 11.Jahrhundert entschlossen, dieses Münster zu
bauen und der Propst Gerhard von Are mit seinen Ideen hundert Jahre später die
Bauarbeiten noch einmal beflügelte, pflanzten sie, was wir heute ernten. Dieses
Münster, ein europäisches Monument, wie es ein Kunsthistoriker einmal genannt
hat, ist wirklich ein geistliches Zentrum unserer Stadt. Sie wissen um meinen
Kampf gegen den Lärm auf dem Münsterplatz. Einen Erfolg zeigt er auf jeden Fall:
den Bonnern ist bewusst geworden, was sie an diesem Gotteshaus haben und wie
viel ärmer diese Stadt wäre, gäbe es das Münster nicht. Deshalb feiern wir heute
auch in Dankbarkeit gegenüber den Erbauern dieser Basilika.
Aber wir wollen nicht nur zurück blicken. Wie kann es weiter gehen mit dem christlichen
Zeugnis in unserer Stadt, in unserem Erzbistum, in unserem Land. Wir sind gewiss
nicht die ersten, die vielleicht etwas resignativ diese Frage stellen. Den Christen,
die gegen Ende des 1. Jahrhunderts lebten und für die Johannes sein Evangelium
schrieb, ging es genauso. Nach der ersten Begeisterung waren sie durch erste
Verfolgungen auch verunsichert und manchmal gewiss auch glaubensmüde. Johannes
antwortete mit einer Geschichte Jesu: vom Weinstock und den Reben. Eine Geschichte
voller Bilder, die einen sehr drastischen Höhepunkt erreicht in dem Wort: getrennt
von mir könnt ihr nichts vollbringen. Mehr noch: getrennt von mir werdet ihr
verdorren. Das klingt wie die Alternative in der jüdischen Geschichte. "Freunde
oder Tod".
Nur wenn jeder Einzelne aus einer lebendigen Beziehung zu Christus heraus lebt,
wenn er sich mit ihm verbunden weiss, wie ein Rebzweig mit dem Weinstock verbunden
ist, nur wenn die Kirche aus dieser Beziehung lebt, wird sie Frucht bringen.
Alles andere verkommt zum blinden Aktionismus, zum bloßen Durchwursteln. Nur
wer aus dieser lebendigen Beziehung heraus lebt, wird bereit sein, zu säen und
zu pflanzen für morgen.
Für mich ist dies nicht zuerst die Zeit von Programmen und Strukturdebatten,
sondern eines ganz persönlichen geistlichen Prozesses. Das Wort Jesu bringt
es auf den Punkt, was heute als Krise beschrieben wird, ist nicht nur fremdverursacht.
Es ist auch die Krise des eigenen Glaubens.
So ist dieser Festtag ein Anlass zur Freude und zur Dankbarkeit, aber auch zur
kritischen Anfrage an uns selbst. Manchmal, wenn ich hier in unserem Münster
sitze, denke ich mir: wir bauen heute große Gebäude, eine Köln-Arena etwa in
Köln oder einen Post-Tower hier in Bonn. Da investieren wir gewaltige Summen,
menschliches Können und know-how. Würden wir heute den Mut haben, nein, würden
wir den Glauben haben, ein solches Bauwerk wie dieses Münster zu errichten?