Wilfried Schumacher
Pfarrer & Stadtdechant

Predigt am 3.1.1999 Münster Bonn ( Joh 1, 1 ff)

Ein König hatte zwei Söhne, so erzählt ein Märchen von den Philippinen. Als er alt wurde, wollte er einen seiner beiden Söhne zu seinem Nachfolger bestellen. Er gab jedem von ihnen fünf Silberlinge und sagte: Füllt für dieses Geld die Halle in unserem Schloß bis zum Abend. Womit, das ist Eure Aufgabe.

Der ältere Sohn ließ leeres Stroh in die Halle schaffen und füllte mit diesem nutzloses Stroh den ganzen Raum. "Ich habe meine Aufgabe erfüllt, auf meinen Bruder brauchst du nicht mehr zu warten. Mach mich zu deinem Nachfolger." Sagte er zum Vater. Doch der wartete, weil es noch nicht Abend war.

Der jüngere Sohn ließ das Stroh wieder entfernen, stellte mitten in die Halle eine Kerze und zündete sie an. Ihr Schein füllte die Halle bis in die letzte Ecke hinein.

Der Vater machte ihn zu seinem Nachfolger: Dein Bruder, so sagte er, hat fünf Silberstücke ausgegeben, um die Halle mit nutzlosem Zeug zu füllen. Du hast nicht einmal ein Silberstück gebraucht und hast die mit Licht erfüllt. Du hast sie mit dem gefüllt, was die Menschen brauchen.

Die Geschichte lädt uns ein, ein wenig nachzudenken, nachdem wir eben im Evangelium gehört haben: "Das Licht leuchtet in der Finsternis. Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt."

In unserer Betrachtung geht es um mehr als die Halle des Königs - es geht um die Halle unserer Welt, unserer kleinen Welt.

Wie oft füllen wir sie mit unnützem Zeug -

mit vielen, aber leeren Worten?

wie oft tun wir unnütze Dinge,

banales, seichtes, das vor uns und anderen nicht bestehen kann, das keinen Wert hat?

Es macht viel Arbeit, dies alles in die Halle unseres Lebens zu schaffen - aber es ist wertlos, es bringt nicht ein, was wir davon erwarten.

Schließlich gehen wir leer aus, wie der ältere Sohn im Märchen.

Ganz anders dagegen der jüngere Sohn.

Seine Erfahrung kennen wir auch.

Das Licht einer einzige Kerze kann einen ganzen Saal ausfüllen.

Oft ist es das einfache, das kleine, das Unscheinbare, das die Halle unserer Welt erfüllt -

Nicht das großspurige, aber leere Wort,

nein, das kleine, aber gute Wort der Liebe, der Zuneigung, der Zärtlichkeit, der Anerkennung des Trostes,

erfüllt die Halle unserer Welt!

nicht die große Tat, die theatralische Geste,

nein die Handreichung, der Händedruck, die Umarmung, das unauffällige Zur-Stelle-Sein,

erfüllt die Halle unserer Welt!

Nicht die Dinge, die wir uns leisten, die wir besitzen,

nein, das, was wir verschenken, was wir anderen gönnen, was wir teilen

erfüllt die Halle unserer Welt!

Dies alles ist wie Licht - leuchtend, wärmend, Orientierung geben.

Wer dieses philippinische Märchen versteht, kann auch erahnen, was wir in diesen weihnachtlichen Tagen feiern.

Es gab eine Zeit im alten Israel, da stellte man sich das Kommen des Messias vor, wie das Kommen eines Königs mit Pomp, Macht und Herrlichkeit -

Noch heute meinen viele Menschen, es müsse ebenso gehen. Gott müsse auf einen Schlag, die Halle dieser Welt erfüllen, damit aller Tod und alle Not, aller Streit und Krieg schlagartig ein Ende haben!

Gott als Aufräumkommando für das, was der Mensch in Unordnung gebracht hat.

Seit den Tagen von Bethlehem widerspricht Gott dieser irrigen Ansicht

Auf das krampfhafte Erwachsen-Sein vieler Menschen

antwortet er mit einem Kind

Der Reichtum des Menschen

wird aufgedeckt in der Armut des Kindes

Die Friedlosigkeit der Welt

wird überführt in der Friedfertigkeit des Kindes

Das Geschwätz der Welt

wird übertönt von der Sprachlosigkeit des Kindes

Die Leistungsgesellschaft

wird karikiert im Unvermögen des Kindes.

Die wahre Dunkelheit der Welt wird nicht durch Scheinwerfer erleuchtet!

Von diesem Kind wird gesagt - es sei das wahre Licht, das in der Finsternis leuchtet.

Dieses Kind in der Krippe ist das Licht, das die Halle unserer Welt hellt macht.

So gilt es dankbar auf die lichten Stunden des Lebens zu schauen:

Auf Stunden der Liebe und Freundschaft, der Zuneigung und Zärtlichkeit
Auf die Augenblicke der guten Worte und der kleinen Gesten
Auf die Erfahrung von Hilfe und Beschenkt-Werden, Von Hoffnung , Zukunft, Trost und Halt
Und sie zu deuten als die Stunden dieses Kindes, als jene Augenblicke, in denen es hell wurde in der Finsternis der Halle unseres Lebens!

Von der Hl. Theresia von Avila stammt das Wort Solo Dio basta - Gott allein genügt.

Sie hat recht - dieses Kind allein genügt, wer sich auf dieses Kind einläßt, wer das Licht annimmt, dessen Lebenshalle wird immer erleuchtet sein.

Aber: (um noch einmal auf die Geschichte zurückzukommen) -

zuerst muß unser Lebenshaus von allem Unnützen gesäubert sein -

von all' den leeren Worten,

den unnützen Dingen,

den entbehrlichen Sachen -

Dann hat das Licht Platz, sich auszubreiten und alles zu erleuchten

Bleiben wir nicht in der Finsternis, trauen wir dem Licht!