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07.11.2010 | Stadt Bonn (ib)

 

Nach dem Raketensignal ging es los

 

Vor 90 Jahren organisierte der St.-Martins-Ausschuss Bonn den ersten Zug durch die Innenstadt

Tausende Kinder werden am Mittwoch, 10. November, wieder mit ihren bunten Laternen singend durch die Bonner Innenstadt ziehen, angeführt von Sankt Martin auf seinem Schimmel und begleitet von zahlreichen Musikkapellen. Im 90. Jahr klingen dann die alten Martinslieder durch die Stadt, denn seinen Anfang nahm der Martinszug Bonn-Zentral 1920.

 

Das Patronatsfestes der Münsterpfarre nehmen der damalige Stadtdechant Johannes Hinsenkamp und der damalige Münsterschuldirektor Zender zum Anlass, den St.-Martins-Ausschuss Bonn und damit die Tradition des geordneten und zentralen Bonner Martinsumzugs zu gründen. Laut den Aufzeichnungen des St.-Martins-Ausschusses finden die Mitglieder erstmals an Allerheiligen 1920 zur konstituierenden Sitzung in der Gaststätte „Hähnchen" zusammen. „Die Verteilung von Weckmännern an alle Schulkinder, die Sammlung von Liebesgaben und die Verlosung von Gänsen zum Besten von Waisen und Armen unserer Vaterstadt" sollen zu den Hauptaufgaben gehören.

 

 

Gaben zum Besten bedürftiger Kinder aller Konfessionen

 

Der Ablauf für den ersten Zug am Mittwoch, 10. November, 1920 ist straff organisiert: „Der Aufmarsch der Schulen muss so rechtzeitig geschehen, dass alle punkt fünf Uhr ihre Stellung bezogen haben. 17.15 Uhr Anzünden der Martinslichter. Punkt 17.30 Uhr Abmarsch nach gegebenem Raketensignal", so stand es im Programm. Auch dass „junge Damen, die an Armbinden kenntlich sind, Gaben zum Besten bedürftiger Kinder einsammeln" - und zwar aller Konfessionen, wie im Programmzettel unterstrichen stand - damals, als die Religionsangehörigkeit noch darüber entschied, mit wem man auf dem Schulhof spielen durfte, keine Selbstverständlichkeit.

 

 

Von 1940 bis 1945 gibt es keinen Martinszug 

 

Josef Weiden reitet als Heiliger Martin im Zug. Ihm wurde das Amt übertragen, da er laut Martins-Ausschuss am besten mit dem einzigen Schimmel der Stadt umgehen kann. 30 Jahre lang erfüllt er dieses Amt und ist damit bis heute der „dienstälteste" Sankt Martin des Bonner Zuges. In den Kriegszeiten von 1940 bis 1945 gibt es keinen Martinszug. Doch schon 1946 lässt der St.-Martins-Ausschuss Bonn die Zug-Tradition wieder aufleben. Sebastian Dani, damaliger Bürgermeister und späterer Stadtdirektor, schreibt in seinen Aufzeichnungen: „Dieser Martinszug gestaltete sich zu einem wahren Volksfest. Viele Straßen unserer Stadt lagen noch voller Trümmer, an den Häusern sah man noch die Wunden des Krieges, den Zuschauern aber leuchtete die Freude aus den Augen."
Lebensmittel sind knapp nach Kriegsende, doch der Bonner St.-Martins-Ausschuss und Dani, in Bonn auch „Vater der Armen" genannt, versuchen alles, damit die Kinder ihren Weckmann bekommen. Mit Erfolg: „Lob und Dank gesagt der Bonner Auermühle für das Mehl und dem Lebensmittelamt unserer Stadt für Zucker und Fett", notiert Dani später.

 

 

Radioreportage und Fernsehübertragung  

 

1951 hat Hanns Roesberg seine Premiere als Sankt Martin, 16 Jahre wird er dem Zug voran reiten. Bald interessiert sich auch die Presse für den prächtigen Bonner Martinsumzug. 1952 überträgt der Nordwestdeutsche Rundfunk eine Radio-Reportage. Zwei Jahre später, 1954, wird der Zug im Fernsehen gezeigt. Bonn behauptete sich gegenüber der Konkurrenzstadt Düsseldorf. In der alten Innenstadt komme der Zug wirkungsvoller zur Geltung, heißt es.

Von 1953 an setzt sich der Martins-Ausschuss Bonn dafür ein, den Martinsbrunnen in der Sürst, dessen Bronzefiguren im Krieg eingeschmolzenen wurden, wieder zu errichten. Glücklicherweise haben Gipsabdrücke der historischen Kinder- und Gänsefiguren, in Kisten verpackt, den Krieg auf einem städtischen Bauhof überstanden. Rund 30 000 Mark kostet die Wiederherstellung. Ein gutes Drittel (11 419 Mark) sammelt der Martins-Ausschuss, den Rest zahlen die Stadt Bonn und der Landschaftsverband. 1958 wird der neue Brunnen eingeweiht.

 

 

Polizei-Reiterstaffel ist die "Legionseskorte" 

 

Zum 50. Zug-Geburtstag im Jahr 1970 soll der Lichterzug besonders prächtig werden. Damals wird Sankt Martin, dargestellt von Hans Angermann, erstmals von einer „römischen Legionseskorte" begleitet. Männer aus der Reiterstaffel der Schutzpolizei, kostümiert aus dem Fundus des Stadttheaters, stellen sie dar. Der St.-Martins-Ausschuss ruft die ausländischen Missionen in Bonn auf, Kindergruppen in Folkloretrachten der jeweiligen Länder am Zug teilnehmen zu lassen. Erstmals findet auch der Laternenwettbewerb statt, der die schönsten selbst gebastelten Fackeln prämiert. Damit diese überhaupt erst richtig zur Geltung kommen, bittet der Ausschuss die Geschäftsleute der Innenstadt, die Schaufensterbeleuchtung zu dämpfen.

Bei aller Begeisterung für das Brauchtum und das Spektakel für die Kinder gibt es 1980 auch Stimmen, die kritisierten, es sei nicht mehr zeitgemäß, den großen Zug durch die verkehrsreichen Straßen der Innenstadt ziehen zu lassen. Stattdessen solle Sankt Martin doch am Rhein entlang reiten. Doch Oberbürgermeister Hans Daniels kontert, dass der Bonner Martinszug wohl die einzige Veranstaltung mit Verkehrsbehinderung in der Stadt ist, über die sich trotzdem alle freuen.

 

 

Der Appell "Teilen und Abgeben" ist weiter aktuell

 

1990, im 70. Jahr, mittlerweile reitet Bruno Hoenig auf Grauschimmel „King" als Sankt Martin, bekommt die barmherzige Schlussszene der Mantelteilung eine besondere symbolische Bedeutung. Bürgermeisterin Waltraud Christians erinnert angesichts der vielen in die Stadt gekommenen Bürger der Ex-DDR daran, an dieses Teilen zu denken und vom Reichtum abzugeben. Ein Appell, der auch 2010 noch aktuell ist.

     

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