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24.03.2010
Erzbischof Joachim Kardinal Meisner
zum Thema Missbrauch
Liebe Schwestern und Brüder!
In diesen Wochen müssen wir mit Entsetzen zur Kenntnis nehmen, dass es auch in
kirchlichen Einrichtungen zu schlimmsten Verfehlungen sexuellen Missbrauchs
gekommen ist. Immer deutlicher wird, welches Leid und Unglück manche Priester
und kirchlichen Mitarbeiter durch ihr Versagen über junge Menschen gebracht
haben. Dadurch geht nun unsere ganze Kirche - und das sind wir alle - durch ein
finsteres Tal. Viele nehmen Ärgernis an unserer Kirche, weil sie sich in dem
Vertrauen, das sie uns zu Recht entgegengebracht haben, enttäuscht sehen.
Ich kann nicht verhehlen, dass ich über das Versagen von manchen Priestern und
kirchlichen Mitarbeitern nicht nur zutiefst erschüttert, sondern auch zornig
bin. Sexueller Missbrauch ist ein verabscheuungswürdiges Vergehen; besonders
schlimm aber ist es, wenn ein Priester der Täter ist. Zwangsläufig beschädigt er
damit zugleich das Vertrauen, das der Kirche als Ganzer entgegengebracht wird,
und er beschädigt auch das Ansehen aller Priester, Ordensleute und kirchlichen
Mitarbeiter, die oft in aufopferungsvoller Weise tagtäglich ihren Dienst zum
Heil der Menschen tun. Nicht zuletzt haben die schuldig gewordenen Priester Sinn
und Zeichenhaftigkeit ihres zölibatären Lebens bis zur Unkenntlichkeit
entstellt.
Die gegenwärtige Situation ist allein mit Ehrlichkeit, Offenheit und dem Willen
zur Umkehr zu bestehen. Unsere erste Sorge muss sein, dass den Opfern
Gerechtigkeit widerfährt und sie helfenden Beistand erfahren. Jedem einzelnen
Verdacht, der uns bekannt wird, gehen wir mit aller Sorgfalt und Konsequenz
nach. Darüber hinaus ist unser aller Wachsamkeit gefordert, damit wir alles tun,
dass solche Vergehen zukünftig verhindert werden können. Dies setzt auch ein
fundiertes Wissen voraus: Wie verhalte ich mich, wenn Kinder von Missbrauch
erzählen? Wie gehen Täter vor? Wie können wir Kinder und Jugendliche dagegen
stark machen? Ich weiß aus vielen Gesprächen, dass auch viele unter Ihnen wegen
der Geschehnisse trost- und ratlos sind. Mit den Informationen, Hinweisen und
Dokumenten auf den folgenden Seiten möchte ich Ihnen deshalb eine erste Hilfe an
die Hand geben.
Für unser Erzbistum hatten wir bereits zum Jahreswechsel im Geistlichen Rat
festgelegt, dass das Thema Sexueller Missbrauch fester Bestandteil der Aus- und
Weiterbildung unserer pastoralen Mitarbeiter ist. Alle Priester, Diakone,
Pastoral- und Gemeindereferenten nehmen verpflichtend an
Informationsveranstaltungen zu diesem Thema teil, die von erfahrenen Fachleuten
durchgeführt werden. Zudem wird als Erstansprechpartnerin für Missbrauchsopfer
zusätzlich eine fachlich versierte Frau benannt, um Hilfesuchenden die Wahl des
Erstkontakts zu ermöglichen. An dieser Stelle möchte ich auch Prälat Prof. Dr.
Norbert Trippen für seine Dienste in dieser Funktion herzlich danken.
Am bedeutsamsten aber ist unsere gemeinsame Hinwendung zum Herrn im Gebet. Damit
verharmlosen wir nichts und schieben nichts ab von unserer Verantwortung,
sondern suchen die Nähe dessen, der allein das Gelingen zu unserem Bemühen geben
kann. Bei ihm muss all unser Tun beginnen, wenn es wirklich zum Heile gereichen
soll. Als Ihr Bischof bitte ich Sie deshalb herzlich um Ihr Gebet. Ich bin fest
davon überzeugt, dass der Herr keine Bitte, die von Herzen kommt, überhört. Ich
bitte Sie deshalb, für die Opfer zu beten, dass sie Zuspruch finden und
Menschen, die sie begleiten und die ihnen helfen, das erfahrene Leid zu
verarbeiten. Beten wir auch für alle, die jetzt Ärgernis an der Kirche nehmen
und sich enttäuscht von ihr abwenden. Weiterhin wollen wir auch für die Täter
beten, dass sie sich ihrer Verantwortung stellen, ihre Schuld bekennen und
umkehren. Beten wir schließlich auch um Mut und Zuversicht für unser eigenes
Glaubenszeugnis in dieser schwieriger gewordenen Situation der Kirche.
Liebe Schwestern und Brüder, als Menschen tragen wir die Freundschaft Gottes „in
irdenen Gefäßen“, wie der Apostel Paulus sagt (2 Kor 4,7) und sind daher immer
in Gefahr, dass dieses Geschenk wegen unserer Unzulänglichkeit buchstäblich
zerbricht. Dieser Zerbrechlichkeit und Begrenztheit müssen und dürfen wir uns
stellen in dem glaubenden Bewusstsein, dass es nicht unsere menschlichen
Verdienste sind, sondern Gottes Stärke, die uns durch die Zeiten trägt. Er gebe
uns die Kraft, seine glaubwürdigen Zeugen zu sein.
Ihr
Joachim Kardinal Meisner,
Erzbischof von Köln
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