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01.11.2009 | Bonner Münster
Es herrsch Fülle, nicht Mangel
Kirche ist kein Selbstzweck
Von Burkard Severin
10 Jahre ist sie inzwischen jung, die Citypastoral am Bonner Münster: Ein Projekt der Konzeptionalisierung und Gestaltwerdung von Kirche unter jenen Bedingungen, wie sie ungefragt in einer pluralen marktförmigen Großstadt vorherrschen. Ein Projekt, bei dem von Anfang an die Frage im Vordergrund stand, wie die Kirche in Bonn ihren Auftrag erfüllen kann, „Zeichen und Werkzeug zu sein für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“ (Zweites Vatikanisches Konzil: Dogmatische Konstitution über die Kirche). Ein Projekt, bei dem das pastorale Handeln, das dieser Bonner Kirche ein Gesicht gibt, ebenfalls von Beginn an von inzwischen mehr als über 100 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern getragen wird. Seit seinen Anfängen durfte ich das Werden der Innenstadtpastoral am Bonner Münster als Organisationsentwickler begleiten. Zwei Momente haben mir das Projekt ans Herz wachsen lassen:
Spannende Begegnungen Innenstadtpastoral ist grenzgängerisch: Die Grenze zwischen „kirchlichem Innen“ und „kirchlichem Außen“, zwischen vertrauter Zugehörigkeit und verstörender Fremdheit, verläuft nicht mehr zwischen „kirchlicher Institution“ und „Welt“, sondern in den Köpfen und Herzen der Menschen, die wählen (müssen) und sich in verschiedenen Lebenswelten bewegen (müssen). Citypastoral wagt sich aus dem kirchlichen Binnenraum heraus, um in der Vielfalt der städtischen Lebensräume die Wahrheit des Evangeliums zu entdecken und zu bezeugen. Dies bringt spannende Begegnungen, neue Blicke auf scheinbar Altbekanntes, verstörende Anregungen in der vermeintlich sicheren Sinnwelt – ein wunderbar fruchtbarer Boden für die eigene Evangelisierung und das Werden von Kirche, weil im Licht des Evangeliums immer wieder neue Handlungsverhältnisse zu dem, was vorgefunden und wahrgenommen wird, aufgebaut werden (müssen).
Wachsen an Herausforderungen Innenstadtpastoral nimmt Kirche als „vorletzte Größe“ ernst: Kirche ist kein Selbstzweck, sondern existiert nur solange, sofern sie als „Zeichen und Werkzeug“ für die Menschen gebraucht wird. Weil Kirche sich als Citypastoral öffentlich, d. h. unter den vielfältigen Blicken anderer, einmischt, schärft sie bei den ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitern die Sensibilität für das kirchliche Selbstverständnis, für den kirchlichen Auftrag, für ihre Profilierung. In ihrer grenzgängerischen Anmutung stellt sie sich den Fragen der Menschen, die vorüber gehen, die verweilen oder weiter gehen. Sie entdeckt, dass diese Fragen auch die Fragen ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind, und sie thematisiert, welche Außenwirksamkeit ihre Antworten entfalten. Innenstadtpastoral arbeitet mit den Charismen, die Gott schon reichlich geschenkt hat: In der Citypastoral bringen Menschen ein, was sie können und erlernen. Und vielfach wachsen sie an diesen neuen Herausforderungen. Sei es im Foyer am Münster, im Münster-Laden, beim Mittagsgebet, auf dem Bonner Weihnachtsmarkt, bei den zahlreichen Aktionen und Einzelprojekten. Immer geht es um das Einbringen der eigenen Kompetenzen und die Bergung, Entfaltung und Pflege des Schatzes personaler Ressourcen, der schon längst da ist. Auch das ist eine ermutigende Erfahrung für die wenigen hauptamtlichen pastoralen Mitarbeiter der Citypastoral: Es herrscht Fülle, nicht Mangel. Es geht wesentlich darum, den Reichtum wahrzunehmen und in ein fruchtbares Zusammenspiel zu bringen.
Der Citypastoralrat, der am 07./08. November 2009 gewählt wird, steuert die Weiterentwicklung des Projektes Citypastoral in Bonn. Ich bin zuversichtlich, dass auch hier mehr als genug Gnadengaben der Steuerungskompetenz vorhanden sind, die geborgen werden wollen: Damit sich die Leidenschaft entfalten kann, als Kirche von Bonn das Kirchewerden zu lernen im Rechenschaftgeben von der Hoffnung, die in uns lebt.
Burkard Severin |
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