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2012 im Bonner Münster

Wallfahrt mit dem

Stadtdekanat Bonn

am 12. Mai 2012

katholisch.de
 

 

12.07.2009 | Bonner Münster

 

Ohne Uhr

 

Dank der modernen Technik sind wir heute in Sekundenschnelle darüber informiert, ob jemand in Urlaub ist. „Ich bin bis zum XY-Tag unter dieser Mailadresse nicht zu erreichen“, heißt es da. Und man kann sich vorstellen wie der Absender irgendwo am Strand liegt, durch die Berge klettert, eine Stadt besichtigt. Es ist Urlaubszeit!

 

Als ich letzte Woche auf dem Bahnhof auf den Zug nach Köln wartete und die vielen Reisenden mit großen Koffern sah, erinnerte ich mich an eine englische Kurzgeschichte, die von einem Bahnwärter erzählt, dessen Bahnhof keine Uhr hatte. Eine Tatsache, die uns provozieren muss, denn „Zeit ist gleich Geld“, wie schon das Sprichwort sagt. Die Minute, ja schon bald die Sekunden diktieren unseren Tagesablauf und so viele wünschen sich täglich, diesem Tyrannen Zeit entfliehen zu können. Der Urlaub ist dazu eine Gelegenheit.

 

Vielleicht hilft uns dabei der alttestamentliche Prediger. Er nennt den Maßstab für seinen Umgang mit der Zeit: "Alles hat seine Zeit". Im dritten Kapitel des Buches Kohelet ist eindrucksvoll nachzulesen, wie er diesen Satz meditiert. Alles hat seine Zeit - da treten jene Menschen. jene Situationen in der Erinnerung auf, für die keine Zeit da war. Da wird vielleicht bewusst, weshalb dieses oder jenes nicht gelungen ist, nur weil die Zeit nicht reichte. Alles hat seine Zeit - viele vergessen, dass es neben dem Beruf, neben dem Streben nach Vorwärtskommen und Erfolg, auch noch Menschen gibt, die mit ihnen leben, die das Leben mit ihnen teilen, die die Gemeinschaft mit ihnen nicht entbehren wollen und können. Wie oft erleben sie stattdessen einen gehetzten Ehemann, eine gestresste Mutter, einen Freund, der keine Zeit für sie hat.

 

Bahnhöfe ohne Uhr wird es in unserer Welt nicht geben. Aber es gibt Bereiche im menschlichen Leben, in denen ich ohne Fahrplan leben kann, ja leben muss. Sie zu entdecken, sie zu nutzen - das wäre eine Chance für den Urlaub. Übrigens: ein Mitarbeiter sagte mir bevor er in Urlaub fuhr, als erstes werde er seine Uhr ausziehen und drei Wochen ohne Uhr leben. Auch eine Möglichkeit, mit der Zeit umzugehen. Nicht unbedingt für jeden. Aber ein Versuch wäre es vielleicht einmal wert.

 

Wilfried Schumacher

Münster-Pfarrer

     

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Letzte Aktualisierung: 07.04.2012