Vandalismus in der Krypta des Bonner Münsters

Mann zieht Schrein mit Gebeinen der Stadtpatrone Cassius und Florentius aus Halterung
21. Juni 2016; Sebastian Eckert (sebastian.eckert@katholisch-bonn.de)

Der Schrein schlug mit Wucht auf den Marmorboden auf

Fotos ►

Vandalismus in der Krypta Der Boden splitterte Das Allerheiligste wurde geöffnet Auf diesem Stuhl saß der Mann, als er von der Polizei festgenommen wurde Der Boden ist beschädigt worden

  

Bonn. Am Dienstagmorgen wurde das Bonner Münster Opfer von Vandalismus. Ein Mann zog in der Krypta den Schrein der Stadtpatrone Cassius und Florentius aus seiner Halterung und brach zudem den Schaubereich des Tabernakels auf. Der Mann wurde durch die Polizei verhaftet. Stadtdechant Msgr. Wilfried Schumacher zeigte sich tief erschüttert: „Nach vielen Vorfällen in anderen Kirchen hat es uns erneut getroffen.“

 

Heute, Dienstag, 21. Juni 2016 zwischen 7.00 Uhr und 7.45 Uhr, betrat ein Mann die Krypta des Bonner Münsters. Er öffnete die Tür zur Halterung des Schreins, in dem die Gebeine der Heiligen Cassius und Florentius, der Stadtpatrone der Stadt Bonn, ruhen.

 

Gegen 7.45 Uhr zog er den rund hundert Kilogramm schweren Schrein heraus, sodass dieser mit einer Seite auf den Boden aufschlug und dabei den Steinfußboden beschädigte. Die andere Seite stürzte auf den bronzenen, umlaufenden Handgriff, der dem Gewicht standhielt.

 

Ein Mitarbeiter des Bonner Münsters vernahm den lauten Aufschlag. Bei einem Blick in die Krypta entdeckte er den herausgezogenen Schrein sowie den Mann, der sich rasch in den vorderen Bereich der Krypta bewegte. Sofort verschloss er beide Zugänge und informierte die Polizei.

 

Der Mann wurde festgenommen und ärztlich versorgt. Laut Zeugen ist der Mann etwa 35 Jahre alt und hellhäutig.

 

Münsterpfarrer Monsignore Wilfried Schumacher ist entsetzt über die Tat: „Die Nachrichten aus Bonn erschüttern mich zutiefst. Nach vielen Vorfällen in anderen Kirchen hat es jetzt uns erneut getroffen. Die Meldungen über Vandalismus in Kirchen häufen sich. Der Papst fordert uns auf, unsere Kirchen für die Menschen offen zu lassen. Das wollen wir gerne tun. Aber wir müssen auch ständig in der Angst leben, dass sich solches oder Ähnliches wiederholt“, erklärt er. „Wir müssen auch dafür sorgen, dass die Menschen geschützt und sicher beten können.“

 

Das Bonner Münster wird zwischen 10.00 Uhr und 18.00 Uhr durch ehrenamtliche Mitarbeiter betreut, die Besucher und Gläubige informieren und ein Auge offen halten. Ohne ihr Engagement wäre dies nicht möglich.

 

Nachdenklich fügt der Stadtdechant hinzu: „Wollen wir unsere Kirchen offen lassen, brauchen wir mehr Menschen, die sich darum sorgen und die aufpassen! Wir werden sorgfältig prüfen, ob wir das Münster weiterhin durchgehend geöffnet halten können. Darüber hinaus beobachte ich mit Sorge, wie nicht nur die Ehrfurcht vor Gotteshäusern gleich welcher Religion immer mehr schwindet, sondern wie auch der Umgang mit privatem Eigentum und öffentlichen Gütern immer rücksichtloser wird. Ganz zu schweigen von der körperlichen Unversehrtheit des Anderen. Hier fehlt es an Grundüberzeugung in der Gesellschaft.“

 

Auch der stellvertretende Vorsitzende des Kirchenvorstands Michael Bogen, der sofort informiert wurde, ist entsetzt: „Es ist der zweite Vorfall innerhalb weniger Monate. Eine solche Tat ist vollkommen unverständlich. Ich bin erschüttert, auch über die rohe Gewalt, mit der schwere Schrein herausgezogen wurde. Wir werden den Vorfall bei der anstehenden Generalsanierung berücksichtigen müssen. Bei der Planung wird auch das Thema Sicherheit zum Schutz der Besucher und Gläubigen eine Rolle spielen müssen.

  

Der Schrein der Stadtpatrone

Das Bonner Münster ist über den Gräbern christlicher Märtyrer erbaut, die heute als die Bonner Stadtpatrone Cassius und Florentius verehrt werden. Über ihren Gräbern steht der Schrein der Stadtpatrone. Er beinhaltet einen Sarkophag aus Eichenholz und ist mit Walzblei ummantelt. Er wurde 1971 von Künstler Hein Gernot geschaffen. Ein Bronzegestellt umfasst den Schrein.

 

Am 15. November 1980 betete Papst Johannes Paul II. vor diesem Schrein, weshalb auf der Stirnseite zur Krypta hin das Wappen von Johannes Paul II. eingearbeitet wurde. Seit 1983 steht der Schrein auf einem steinernen Unterbau (Postament). Er wiegt rund hundert Kilo und wurde zuletzt 2005 restauriert.

 

In diesem Jahr feierte das Bonner Münster gleich drei Jahrestage, die eng mit Cassius und Florentius verknüpft sind: Der 1325. Jahrestag der ersten Erwähnung einer Kirche zu Ehren der Bonner Stadtpatrone Cassius und Florentius, der 850. Jahrestag der Erhebung der Gebeine der Heiligen Cassius, Florentius und Gefährten zur Ehre der Altäre – sowie der 60. Jahrestag der Erhebung des Bonner Münsters zur Päpstlichen Basilika minor.

 

Vandalismus am Bonner Münster

Tatsächlich ist Vandalismus im Bonner Münster ist kein Einzelfall: Immer wieder kommt es zu erschreckenden Szenen.

 

So stieß ein Unbekannter 2002 am Samstag vor Pfingsten das Holzkruzifix um und beschädigte es schwer. Restauratoren mussten den abgebrochenen rechten und den gelockerten linken Arm des Gekreuzigten neu einpassen und Teile der Hand ersetzen. Rund tausend Euro kostete die Restauration.

 

2003 stieß ein damals 42-Jähriger Mann die Pieta, die „schmerzensreiche Muttergottes“ von ihrem Podest. Die jahrhundertealte Holzskulptur musste für rund 6000 Euro saniert werden. Die Muttergottes besteht aus einer Vielzahl von Holzblöcken, die auf vier Arten miteinander verbunden waren. Durch den Sturz brachen die Fugen auseinander und es verzogen sich die Teile.

 

Zuletzt brachen unbekannte einen massiven Schlussstein aus einem Fensterbogen der Ostapsis, schlugen den rund 10 Kilo schweren Stein offenbar auf die Köpfe der Stadtpatrone. Darauf deuteten Splitter hin. Der herausgebrochene Stein fand sich auf dem Parkplatz des Münster-Pfarrhauses wieder, direkt hinter der Mauer, die den Hof von dem Osteingang zu Münster trennt. Der betroffene Fenstersturz ist Teil der Krypta, in denen die Gebeine der Bonner Stadtpatrone liegen.

 

Die Bonner Stadtpatrone Cassius und Florentius

Das Bonner Münster ist über den Gräbern christlicher Märtyrer erbaut, die heute als die Bonner Stadtpatrone Cassius und Florentius verehrt werden. Sie gehören zu den Heiligen der Thebäischen Legion und verbinden Bonn mit traditionsreichen christlichen Kultstätten in ganz Europa. – Im alten Theben (heute Ägypten) entwickelte sich das Christentum sehr früh. Der Überlieferung nach haben aus dieser Gegend stammende römische Soldaten sich aufgrund ihres Glaubens geweigert, den Kaiser als Gott anzubeten. Diesen Loyalitätsbruch strafte der Kaiser mit dem Tod. Mauritius, der Anführer der Legion, war einer der bedeutendsten Heiligen des Mittelalters.

 

Über seinem Grab in Saint Maurice steht das älteste Kloster des Abendlandes (515 gestiftet). Es steht in Verbindung christlichen Kultstätten der Thebäerverehrung in der Schweiz, in Deutschland, Österreich, Norditalien und Frankreich, darunter Zürich, Basel, Paris, Tours, Mailand, Turin, Trier, Xanten, Köln und eben auch Bonn. Dort wird eine erste Kirche zu Ehren der Heiligen Cassius und Florentius im Jahr 691 bezeugt, von wo aus sich die „Villa Basilica“ und schließlich der mittelalterliche Stadtkern Bonns entwickelte. Mitte des 11. Jahrhunderts bedarf es einer größeren Pilgerkirche, woraus nach 200-jähriger Bautätigkeit das heutige Bonner Münster entstand.

 

1166 ließen Erzbischof Rainald von Dassel und der Bonner Propst Gerhard von Are die Gebeine der Heiligen aus den Gräbern holen „zur Ehre der Altäre erheben“, was der rituelle Akt zur offiziellen Heiligsprechen war. Sie wurden dargestellt auf dem Bonner Stadtsiegel und später offiziell zu Patronen der Stadt Bonn erklärt. Der 10. Oktober ist der Gedenktag, welcher in der ganzen Stadt als kirchliches Hochfest gefeiert wird, der wiederum in ein 10-tägiges Stadtpatronefest eingebettet ist.

 

Zurück