Palmsonntag, Predigt des Stadtdechanten

25. März 2018; Wilfried Schumacher (stadtdechant@katholisch-bonn.de)

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am Palmsonntag, 25. März 2018, in der Schlosskirche. (Das Bonner Münster ist seit dem 23. Juli 2017 aufgrund einer bevorstehenden Generalsanierung geschlossen.)

 

The same procedure as every year. – Jedes Jahr das Gleiche mag manch einer von Ihnen an diesem Abend denken, da wir gemeinsam die Feier der Heiligen Woche beginnen. Aber es ist nicht die gleiche Geschichte – weil wir die Hörer andere sind als vor einem Jahr: unser Leben ist weitergegangen und die alte Botschaft trifft auf neue Situationen und Ohren. So verändert sich die Geschichte.

 

Mir fällt auf, dass der Evangelist Markus, der in diesem Jahr gelesen wird, das ganze Geschehen vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung zeitlich in einer Woche ansiedelt – das kann kein Zufall sein. Der siebte Tag, der Ruhetag der Schöpfung, wird so zum Tag der Grabesruhe und der achte Tag, der neue Tag zum Tag, an dem die Auferstehungsbotschaft verkündet wird.

 

Diese literarische Komposition bedeutet wohl, dass wir die ganze Geschichte vom Ende her lesen müssen. Nicht als ob durch die Osterbotschaft alles Vorhergehende relativiert würde, sondern weil dadurch bewusstwird, es geht hier nicht um ein Protokoll der letzten Tage Jesu, das durchaus widersprüchlich wäre – wenn man die Evangelien vergleicht. Es geht um die Frage, was uns der Evangelist, was uns die junge Kirche durch die Jahrhunderte hindurch verkündigen will.

 

Einige Details, die uns allzu bekannt sind, weisen uns die Richtung: „Die Soldaten führten ihn ab, in den Hof hinein, der Prätorium heißt, und riefen die ganze Kohorte zusammen.“ (Mk 15,16) – Niemals hätte im Hof des Pilatus eine ganze Kohorte von 600 bis 1000 Mann Platz gehabt. Was soll dann dieses Detail?

 

Eine ganze Kohorte trat auf dem römischen Marsfeld an, wenn der Triumphator nach einer siegreichen Schlacht den Triumphzug durch die Stadt begann. Wenn er sein Feldherrenzelt (lat. Prätorium) verlässt, wird ihm das Purpurgewand angelegt und ein Sklave hält über seinem Haupt den Lorbeerkranz. Am Höhepunkt des Triumphzuges wird dem Triumphator Wein angeboten, den dieser aber verweigert.

 

Die Menschen in Rom, die dieses Evangelium wohl als erste hörten, kannten die Triumphzüge ihrer Feldherren und Kaiser als Demonstrationen ihrer Macht und verstanden: was da ausschaut, wie ohnmächtiges Ausgeliefertsein ist eigentlich ein Triumphzug. Was beim Einzug in Jerusalem nur unter den Augen der Jünger stattfand, wird hier jetzt öffentlich.

 

„Und der Vorhang des Tempelhauses wurde zerrissen in zwei Teile von oben bis unten.“ - Ein Bild, das wir kennen. Der Evangelist Markus spricht in seinem ersten Kapitel schon einmal vom Zerreißen: „Und sofort als Jesus aus dem Wasser heraufstieg, sah er den Himmel zerreißen“. Zufall oder bewusste Komposition und damit theologische Aussage?

 

Bei der Taufe im Jordan hört Jesus die Stimme aus dem Himmel: „Du bist mein geliebter Sohn“ Im Tempel von Jerusalem zerreißt der Vorhang des Allerheiligsten und der römische Hauptmann bekennt: „Wahrhaftig dieser Mensch war ein Gottessohn.“

 

Das erste Glaubensbekenntnis des Neuen Testament. Ein Heide erkennt die Mission Jesu und verleiht ihm den Titel, den die römischen Kaiser zu Lebzeiten führten: „Gottessohn“. Einer, der in menschlichen Augen in äußerster Erniedrigung stirbt, wird als der Allererste in Gottes Augen proklamiert.

 

Jetzt wissen wir, um was es in dieser Geschichte geht: Es geht um das, wovon schon im ersten Kapitel des Markus-Evangeliums die Rede war: „Erfüllt ist die Zeit! Angekommen ist die Königsherrschaft Gottes!

 

Vertraut den neuen Wegen – werden wir in dieser Woche immer wieder singen. Die neuen Wege – das ist die Königsherrschaft Gottes. Nicht die alten Wege der Macht, des Geldes, der Korruption, der Ausbeutung, nicht die ausgetretenen Pfade der Untreue, der Missgunst, des Hasses, der üblen Nachrede (Papst Franziskus spricht vom Terrorismus des Tratschs), nicht die bekannten Routen von Reichtum, Schönheit, Ansehen.

 

Die Königsherrrschaft Gottes ruft uns auf die neuen Wege der Liebe, der Solidarität, des Mitleidens, des Aushaltens, der Geduld, der Treue, des Friedens, der Zärtlichkeit. Darum geht es diese Woche: Nicht dass wir staunend zuschauen, vielleicht auch noch bejammern, beweinen, betrauern, sondern wir wirklich ernst machen mit dem neuen Weg der Königsherrschaft Gottes. Das Reich Gottes bricht nicht an, wenn wir den Herrn alleine gehen lassen.

    

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