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Interview mit Rainer Tigges - Flüchtlingskoordinator im Stadtdekanat Bonn

19. Oktober 2017; Sebastian Eckert

 Wie sieht die Situation der Flüchtlingskoordination in Bonn aus? Wie aktiv ist man noch (Stimmung, Lage)?
In Bonn gibt es ca. 3000 Geflüchtete, wahrscheinlich sogar noch mehr. Durch Anerkennung, Familienzusammenführung, Abschiebung und Umzug ist eine genaue Zahl nicht so leicht darzustellen. Es gibt in allen Gemeinden ein ehrenamtliches Engagement, das durch Ehrenamtsbegleiter erleichtert wird. Im ganzen Bistum hatte sich die effektive Flüchtlingsarbeit des Stadtdekanats Bonn einen sehr guten Namen gemacht. Auch die Stadt Bonn (mit der Stabsstelle Integration und den für die Unterbringung verantwortlichen Ämtern) konnte sich jederzeit auf eine schnelle und gute Zusammenarbeit mit der Kirche verlassen und wünscht sich dieses Zusammenspiel auch für die Zukunft. Leider müssen bald einiger der Ehrenamtsbegleiter*innen mit dieser guten Arbeit aufhören, da ihre Verträge nicht verlängert werden konnten. Für die Koordination dieser Arbeit ist das ein gewaltiger Hemmschuh. Ob er beseitigt werden kann ist noch fragwürdig. Das trübt die Stimmung!

Die Geflüchtetenzahl in Bonn nimmt kaum noch zu, die große "Welle" ist vorbei. Vor welchen Aufgaben stehen die Koordinatoren und ehrenamtlichen Mitarbeiter
Eine Gesellschaft im Wandel wird immer wieder neue Aufgaben aufwerfen. Wachsam diesen Wandel zu hinterfragen und dabei Toleranz und Weltoffenheit zu bewahren wird in Zukunft sehr wichtig sein. Ohne Durchhaltevermögen und Phantasie werden die nächsten Schritte für die ehrenamtlichen Mitarbeiter schwer fallen. Viele Aufgaben sind unvorhersehbar. Konkret wird es um Hilfe um Hilfe zur Selbsthilfe für die Geflüchteten gehen aber auf der anderen Seite auch um unsere eigene Lernbereitschaft. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen werden ihr neu gelerntes Wissen und ihre Dialogbereitschaft auch auf anderen Ebenen einsetzen.

Wie soll Integration der Geflüchteten vonstattengehen? Welche Herausforderungen und Schwierigkeiten gibt es dort?
Die große Herausforderung wird die Integration der neuen Nachbarn werden. Längst ist klar, dass Integration eine Daueraufgabe werden wird, die übrigens nicht neu ist aber in Zukunft vielleicht mit neuem Schwung erfolgen wird. Viele ehrenamtliche Mitarbeiter werden als Lotsen in einer gesellschaftlichen Strömung arbeiten müssen, die manche Hindernisse in sich birgt, die erst bei sinkendem Wasserspiegel sichtbar werden. Kulturelle Unterschiede gehören dazu aber leider auch Neid und Hass auf beiden Seiten. Da Menschen mit für uns ganz fremden Weltanschauungen und religiösen Überzeugungen zu uns gekommen sind (selbst wenn sie Christen sind), benötigen wir gerade für diese Herausforderung selbst Unterstützung. Der Blick in die Tiefe des eigenen Glaubens, um dort Antworten zu finden, wird für das neue Nebeneinander von Menschen aus aller Welt eine Grundlage darstellen können. Die eigene Antwort wird in Hinblick auf eine gewünschte und gelungene Integration in Zukunft nicht so wichtig sein wie eine gemeinsam gestellte Frage! Wenn wir es erreichen, dass unsere neuen Nachbarn mit uns gemeinsam Fragen stellen, werden wir mit unterschiedlichen Antworten gut leben können.

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